Entartete Kunst – auch heute noch Thema

Der aktuelle Fund der rund 1500 Kunstwerke im Hause des Cornelius Gurlitt zeigt, dass auch heute noch das Thema „Entartete Kunst“ von Bedeutung ist. Auch heute noch existieren eine große Menge von Kunstwerken, die ursprünglich einmal jüdischen Mitbürgern gehört hatten, die während der NS-Zeit ihren Besitzer gewechselt hatten.

Ausstellung „Entartete Kunst“ (c) Haus der Kunst

Auf unterschiedlichste Weise kamen in der Zeit des Nationalsozialismus europäische Kunstschätze in Bewegung. Die Gründe für den Besitzübergang waren dabei vielfältig und sollen im Nachfolgenden in der gebotenen Kürze aufgeführt werden. Der Besitzwechsel konnte durch Verkauf, durch die Folge unmittelbaren Zwangs (Beschlagnahmung und Raub) oder, als kompliziertester Fall, als Folge mittelbaren Zwangs, zum Beispiel als Verkauf zur Finanzierung einer geplanten Ausreise bzw. Flucht aus Deutschland oder als Verkauf aus Sorge vor Verfolgung wegen Besitzes ‚entarteter Kunst‘ erfolgt sein. Es konnte sich um Kunstwerke verfolgter Künstler handeln, die jüdischer Abstammung waren, als entartet galten, oder auf sonst eine Weise nicht in das Weltbild der Nationalsozialisten passten. Dabei waren Privatpersonen wie Museen gleichermaßen betroffen, deren Sammlungen von den Nationalsozialisten entwendet wurden.

Viele Kunstgegenstände kamen in den frühen Jahren nach der nationalsozialistischen Machtergreifung auf den Kunstmarkt, als für die jüdischen Sammler noch eine Chance zu legaler Emigration bestand. Um die dadurch fällig werdende Reichsfluchtsteuer zu finanzieren, verkauften die Besitzer diese Werke – häufig unter Wert und häufig auch gegen Einzahlung des Betrags auf ein Sperrkonto, so dass der Gegenwert real nicht zur Verfügung stand. Betroffen war im besonderen Maße der jüdische Kunsthandel, der von Hitler für den „angeblichen Niedergang der deutschen Kunst“ verantwortlich gemacht wurde. Aus diesem Grund, aber auch weil ihnen durch die Einrichtung der Reichskulturkammer das Recht zur Ausübung ihres Berufs untersagt wurde, verließen viele Händler Deutschland und ließen Teile ihrer Sammlung zurück. Diese Verkäufe erfolgten somit bedingt unter Zwang, da die Betroffenen in Deutschland keine Zukunft mehr sahen und das Land verlassen wollten. Ohne die nationalsozialistische Herrschaft wäre dies nicht nötig gewesen.

Auch wenn die Kunstwerke nicht von ihren Eigentümern verkauft wurden, konnten die Nationalsozialisten in ihren Besitz gelangen. Die Rechtslage im Dritten Reich ermöglichte es den Nationalsozialisten insbesondere jüdisches Vermögen ersatzlos einzuziehen. Das Gesetz über die Einziehung volks- und staatsfeindlichen Vermögens vom 14. Juli 1933 weitete das bestehende Gesetz gegen kommunistisches Vermögen auch auf das Vermögen von Staatsfeinden, zu denen auch die jüdischen Bürger zählten, aus, und gab der Konfiszierung einen juristisch einwandfreien Anstrich. Infolge dessen wurden zahllose Kunstwerke von jüdischen Sammlern beschlagnahmt, deren Schicksal im Folgenden Emigration, Deportation oder Ermordung lautete. Dies betraf in gleichem Maß private Sammler wie Kunsthändler.

Ein besondere Fall stellt die Aktion „Entartete Kunst“ dar, zu der sich auch einige der Gurlitt-Kunstwerke nachweisen lässt (mehr dazu in Kürze).

Die Rechtslage ist schwierig. Nicht zuletzt deshalb, weil es wohl kaum einen „idealtypischen“ Fall gibt, wie die Kunstwerke abhanden gekommen sind. Jeder Fall ist anders, bei jedem stellt sich die Rechtslage ein wenig anders dar. Häufig könnte ein enteignetes Kunstwerk nur aus moralischen Gründen von seinem heutigen Besitzer zurückgegeben werden. Noch gibt es zu wenig Provenienzforscher, die die Aufgabe der Klärung der Besitzverhältnisse in den Museen vorantreiben – dazu fehlen die Gelder, aber auch die staatliche Unterstützung. Transparenz ist erforderlich, um es den Erben auch möglich zu machen, Nachforschungen über den Verbleib der Kunstwerke zu stellen.  Fraglich bleibt, warum hier niemand etwa die deutsche Vertretung der Holocaust Claim Conference angerufen hat, die die Erben bei der Suche nach den enteigneten Kunstwerken unterstützt. Warum wird dieser Fall erst jetzt bekannt? Hier gibt es noch viel Klärungsbedarf – und vermutlich war dieser Fall noch nicht der letzte dieser Art.

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