Der Wiesbadener Central Collecting Point – Herberge für die Gurlitt-Sammlung?

Museum WiesbadenImmer mehr Details werden über den Fall der in München-Schwabing gefundenen Kunstsammlung von Cornelius Gurlitt bekannt. Nun wurde veröffentlicht, dass diese Kunstgegenstände nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs im Central Collecting Point Wiesbaden gelagert waren. Was hat es damit auf sich?
Die Einrichtung der Central Collecting Points steht in engem Zusammenhang mit der Arbeit der Monuments Men in Deutschland. Die MFA&A war eine anglo-amerikanische Kunstschutzorganisation, die sich bereits während des Zweiten Weltkrieges gegründet hatte und die ihren Ausgang an den Ivy-League-Universitäten und den renommierten Kunstmuseen der amerikanischen Ostküste hatte. Ausgehend von der Sorge um die eigenen, aber zunehmend auch der europäischen Kunstschätze während des Krieges formierten sich Kunsthistoriker um den Museumskundler Paul Sachs (Harvard University), um Maßnahmen zum Kulturgüterschutz zu organisieren. Die daraus entstandene Roberts Commission sorgte dafür, dass versierte und engagierte Kunstschützer vor Ort, in der Nähe des Frontverlaufs waren, um Schäden an Kulturdenkmälern zu dokumentieren,Reparaturmaßnahmen einzuleiten, aber auch um präventiv tätig zu werden, in dem man schützenswerte Architektur und Baudenkmäler benennt, die vor den Angriffen und bei der Inquartiernahme geschont werden sollten. Auf diesem Weg kamen die Monuments Men, die Kunstschutzoffiziere der MFA&A, nach Europa und auch nach Deutschland.

Zu den schützenswerten Gebäuden und Denkmälern kamen die Sammlungen der europäischen Museen, Bibliotheken, Archive und Kirchen. Deren Bestände (Kunstgegenstände aller Art, Bücher, Dokumente und Kirchenschätze) waren im Krieg aus den Städten in (Salz-)Bergwerke, Schlösser, abgelegene Herrenhäuser, Scheunen und ähnlichem ausgelagert worden. Diese repositories wurden von den Alliierten teilweise gezielt gesucht, teilweise zufällig entdeckt und ihr Inhalt sichergestellt. Da bei den meisten dieser Auslagerungsstätten eine dauerhafte Unterbringung der eingelagerten Gegenstände nicht förderlich war, trugen die amerikanischen Besatzer die von ihnen gefundenen Kunstwerke in sogenannten Central Collecting Points zusammen, die – neben einigen kleineren CCPs – in erster Linie in den Städten München, Wiesbaden, Marburg und Offenbach eingerichtet wurden.

Während im CCP München hauptsächlich von den Nazis geraubte Kunstwerke gelangten, die von den Alliierten unter anderen in den Auslagerungsstätten in Neuschwanstein bzw. im Salzbergwerk Altaussee aufgefunden wurden, waren die Bestände des Wiesbadener CCPs, eingerichtet im heutigen Landesmuseum von anderer Natur. Eingelagert waren dort seit August 1945 hauptsächlich die Sammlungen derBerliner Museen, die gegen Ende des Krieges in die Salzminen von Merkers (Thüringen) merkersausgelagert worden waren und von da aus von den amerikanischen Besatzern nach Frankfurt gebracht wurden. Der WCCP wurde durch Capt. Walter I. Farmer, dem ersten Direktoreingerichtet. Neben den  Kunstgegenstände der Berliner Museen wurden dort auch viele andere deutsche öffentliche Sammlungen zusammengeführt, so etwa Teile des Frankfurter Städels, des Landesmuseums Mainz, des Kölner Wallraf-Richartz-Museums und etliche mehr. Diese aus öffentlichen Sammlungen stammenden Kunstwerke befanden sich zu einem großen Teil schon lange vor der NS-Zeit in deren Besitz und konnten nach einer Überprüfung der Eigentumslage durch die Alliierten auch bedenkenlos an die alten Besitzer zurückgegeben wurden.

Da die Alliierten systematisch die Auslagerungsstätten aufsuchten und zu Überprüfung der Eigentumsverhältnisse in die CCPs überführten, waren aber auch zahlreiche Privatsammlungen dort untergebraucht – so auch in Wiesbaden. Dabei waren es allerdings nicht immer nur „Top-Kunstwerke“, in die Auslagerungsstätte wurde vom Teppich über wertvolles Porzellan, Gemälde, Möbel, Silber- und Kultgegenstände bis hin zu Schmuck alles gebunkert, was einen erhaltenswürdigen Wert hatte. In seiner Hoch-Zeit waren in Wiesbaden rund 700.000 Kunstgegenstände eingelagert.Eine enorme Aufgabe für die Alliierten, hier über mögliche Restitutionen zu entscheiden.

Zu den im CCP Wiesbaden eingelagerten Kunstsammlungen gehörte auch die Sammlung Gurlitt, wie aus den Archivmaterialien der National Archives & Records Administration (NARA), Washington, hervorgeht.

Am 5.121950 wurde eine ganze Anzahl von Gemälden (eine fünfseitige Liste) an Hildebrand Gurlitt an eine Düsseldorfer Adresse zurückübereignet, darunter unter anderm auch Liebermanns „Zwei Reiter am Strand“: Custody Receipt Hildebrand Gurlitt 5.12.1950

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2 Gedanken zu “Der Wiesbadener Central Collecting Point – Herberge für die Gurlitt-Sammlung?

  1. Liebe Tanja,
    guter Beitrag und spannendes Thema!!
    Die Sammlung Hildebrand Gurlitt wurde im Dezember 1945 von der Amerikanischen Militärregierung in Verwahrung genommen und von Schloss Aschbach nach Wiesbaden transportiert. Am 15 Dezember 1950 erhielt Gurlitt 115 Gemälde, 19 Zeichnungen und 72 verschiedene andere Objekte wieder zurück.

    Viele Grüße aus dem Museum
    Miriam

    Miriam Olivia Merz
    Provenienzforschung
    Museum Wiesbaden

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