Restitutionen aus dem Wiesbadener Central Collecting Point

Hildebrand Gurlitt: Rechtmäßiger Eigentümer seiner in der NS-Zeit zusammengetragenen Kunstwerke? (Foto: Kunstsammlungen Zwickau)

Die Frage drängt sich auf, wieso die Amerikaner die Sammlung Gurlitt wieder an Hildebrand Gurlitt im Jahre 1950 zurückgegeben hat. Dazu muss man wissen, dass – anders als im Münchner Central Collecting Point – die Bestände des Wiesbadener CCPs nur zu einem kleinen Teil Raub- und Beutekunst gewesen sind. Der weitaus größere Teil der Bestände gehörte schon seit langer Zeit in deutsche Sammlungen, also bereits vor 1933.

Gleichzeitig muss man die Vielzahl der im Landesmuseum Wiesbaden, wo der CCP untergebracht war, berücksichtigen. Rund 700.000 Einzelstücke beherbergte das Haus in seiner Hoch-Zeit. Die wenigen militärischen und zivilen Mitarbeiter arbeiteten im Akkord, um dieser Menge an eingehenden Kunsttransporten Herr zu werden.

Restitutionsarbeit, eines der drei selbst gesetzten Ziele der Monuments, Fine Arts & Archives Section, wurde aber auch im Wiesbadener CCP praktiziert. Um der Menge der in den zahlreichen Auslagerungsstätten vorgefundenen Kunstwerke, die es auf ihre Provenienz zu überprüfen galt, Herr zu werden, wurden möglichst detaillierte Inventarlisten erstellt und ein für alle CCPs verbindliches Karteikartensystem entwickelt, die Inventory Property Cards.

Bei der schieren Menge an eingelagerten Kunstwerken wäre das Überprüfen jedes einzelnen Kunstgegenstandes hinsichtlich seiner Provenienz nicht umsetzbar gewesen, so dass man sich dazu entschloss, nur Objekte von besonderen kulturellem Rang zu überprüfen, was auch immer das einschließt. Für die Überprüfung einer möglichen Restitution ins Ausland wurde die Militärregierung nur auf Antragsstellung tätig, sie suchten also nicht selbst proaktiv nach den Eigentümern. Das Antragsverfahren für die Restitution erfolgte stets auf Länderebene, indem die Regierung des betreffenden Landes Ansprüche für den bisherigen Eigentümer geltend machte. Die Länder, die einen Restitutionsantrag stellten, waren aufgefordert, dem Alliierten Hauptquartier eine Beschreibung des geraubten Kulturgutes zu geben, zusammen mit allen vorhandenen Informationen, die dazu beitragen können, das Objekt genau zu identifizieren und die Eigentumsverhältnisse zu belegen. Ausländische Experte, die die Central Collecting Points besichtigten, kamen dabei als Repräsentanten der antragstellenden Regierung, nicht als Repräsentanten von Institutionen, Einzelpersonen oder Unternehmen. Ein Kulturgut, auch wenn es sich um privaten Besitz handelte, wurde an den Repräsentanten der antragstellenden Regierung im Auftrag der Privatperson übergeben, nicht an die Privatperson selbst.

Nachdem mit erster Priorität die Rückgabe an die Vertreter der Länder und der deutschen Museen erfolgt war, kümmerten sich die amerikanischen Alliierten auch um die Rückgabe von verfolgungsbedingt entzogenen Kunstwerken, vor allem aus ehemals jüdischem Besitz. Für dessen Rückführung wurden eine die Restfälle abwickelnde Institution, die Jewish Cultural Reconstruction (JCR), Inc., ins Leben gerufen. Vormals jüdischer Besitz, der während der NS-Zeit seinen Eigentümern genommen wurde, und sich im Gewahrsam der US-Militärregierung befand, wurde mit Wirkung vom 30.05.1949 an die JCR, Inc. zur treuhänderischen Verwaltung abgegeben, wenn bislang kein Restitutionsantrag gestellt worden war.

War dieser Besitz in einer dokumentierten Privatsammlung, wie es bei Gurlitt der Fall war, und es wurden nicht direkt ein Antrag des rechtmäßigen Eigentümers gestellt, gingen die Alliierten offensichtlich davon aus, dass die Sammlung Gurlitts rechtmäßiges Eigentum sei und restitutierten sie. Und das, obwohl Hildebrand Gurlitt als Kunsthändler der Nationalsozialisten bekannt war. Wohlgemerkt: es handelte sich hierbei nicht um Kunstwerke, die Gurlitt im Auftrag der Nationalsozialisten für den deutschen Staat oder Hitlers Sammlungen gekauft hatte, sondern um seine private Sammlungen. Wobei die Ankäufe durch seine Position als NS-Kunsthändler höchstwahrscheinlich erleichert wurden. Wie die rechtliche Situation damals zu beurteilen war, ist höchst fraglich. Da Gurlitt einen Großteil der Kunstwerke sicherlich käuflich erworben hatte, kann er auch Eigentümer gewesen sein. Wenngleich natürlich die Umstände der Ankäufe sicherlich kritisch zu untersuchen wären. Dieser Fall wird Provenienzforscher und Juristen noch eine Weile beschäftigen.

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