Vergessene Kunstwerke der „Entarteten Kunst“

Ausstellungskatalog „Entartete Kunst“

Die Brandmarkung als „entartete Kunst“ bedeutete für die betroffenen Künstler, dass sie in der NS-Zeit verfemt waren. Ausstellungsverbot, öffentlicher Spott, die innere oder äußere Emigration waren die Folge. Vielen Künstlern hat aber genau dieser Stempel nach 1945 auch einen gewissen Vorteil in der Rezeption verschafft, da man sie  im Bestreben nach einer Rehabilitation gerne ausstellte. Heute stehen die Werke der klassischen Moderne, des Expressionismus‘, abstrakte Kunstwerke etc. sowohl auf dem Kunstmarkt wie auch in den öffentlichen Sammlungen hoch im Kurs. Immer wieder tauchen jedoch auch verschollenen Kunstwerke aus der „Entarteten Kunst“-Aktion auf, deren Erschaffer heute beinahe in Vergessenheit geraten sind. In diesen Fällen ist häufig das gesamte Oeuvre der Künstler von den Nationalsozialisten beschlagnahmt, zerstört oder sonstwie in den Kriegswirren verloren gegangen, so dass nach dem Kriegs nichts mehr vorhanden war, das man hätte rehabilitieren können. Diese Funde sind für die Kunstgeschichte besonders spannend, zeigen sie uns doch bisher weniger bekannte Künstler auf, die eine erweiterte Sichtweise auf diese Epoche ermöglichen.

Christoph Voll: „Mönch“, Aquarell, 1921. Bild: dpa

Auch im Schwabinger Kunstfund des Kunsthändlersohns Cornelius Gurlitt tauchte jetzt beispielsweise ein Kunstwerk des bereits 1939 verstorbenen Christoph Voll auf. Voll wurde auf der Feme-Ausstellung von 1937 ausgestellt, viele seiner Kunstwerke aus öffentlichen Sammlungen konfisziert. Sein hinterlassenes Oeuvre ist klein, der Fund des Aquarells „Mönch“ zeigt uns ganz neue Seiten dieses Künstlers, den wir bisher hauptsächlich als Graphiker und Bildhauer kannten. Ein bekanntes Foto der damaligen Ausstellung zeigt Volls Skulptur „Schwangere“ aus dem Stadtmuseum als zweite Skulptur von links. Sie ist vermutlich zerstört worden, zumindest verliert sich ihre Spur nach Kriegsende.

Blick im die Ausstellung „Entartete Kunst“

Nach Abschluss der Ausstellungstournee wurde ein Teil der Kunstwerke im Ausland verkauft, Teile wurden nachweislich vernichtet. Bei einem weiteren Teil ist der Verbleib unbekannt.

Nun ist bekannt, dass nicht alle Kunstverantwortlichen des Drittes Reichs die Abneigung Hitlers gegen moderne Kunst teilten. vor alle für die für  Hitler arbeitenden Kunsthändler war es in dieser Zeit möglich, für kleines Geld an großartige Kunstwerke zu gelangen. In öffentlichen Sammlungen durften diese Werke nicht bleiben, viele jüdische Bürger verkauften ihre  Kunstwerke, um ihre Emigration zu finanzieren, andere wurden schlicht enteignet. So fanden viele dieser Werke auch ihren Weg in die Privatsammlungen – und dort verliert sich ihre Spur.

Der Berliner Skulpturenfund

Im Falle des Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt dauerte es bis zum Jahr 2010, bis man diese Werke wieder fand. Ein schicksalhaftes Jahr, wurde doch zu diesem Zeitpunkt in Berlin ein anderer längst verloren geglaubter Kunstfund gemacht. Grabungen für einen U-Bahn-Schacht vor dem Roten Rathaus hatten damals etliche verschüttete Skulpturen zu Tage gefördert. Nachforschungen ergaben, dass an der Fundstelle in der ehemaligen Königstraße 50 ein  mehrstöckiges Gebäude gestanden hatte, das nach einem Bombenangriff eingestürzt war und nach Kriegsende nur aufgeschüttet wurde – heute befindet sich dort ein freier Platz. Alle Skulpturen – teilweise nur noch in Fragmenten erhalten – zeigten starke Beschädigungen durch die Brandbomben und ihren langen Verbleib unter Schutt- und Aschebergen. Es stellte sich heraus, dass in diesem Haus im dritten und fünften Stock ein offizielles Depot des Reichspropaganda-Ministeriums gewesen war. Insgesamt wurden bei dieser Grabung 16 Skulpturen gefunden. Schnell konnte man einzelne Werke identifizieren und so rekonstruieren, dass sie alle zu den Kunstwerken gehören, die während der NS-Zeit im Rahmen der Entarteten Kunst-Aktion konfisziert wurden.

Berliner Skulpturenfund _ Übersicht

Vier der aufgefundenen Skulpturen waren auch auf der Feme-Ausstellung Entartete Kunst in München zu sehen. So erkennt man auf dem obigen Foto der Ausstellung die „Figur“ von Richard Haizmann rechts neben der erwähnten „Schwangeren“ von Christoph Voll. Am rechten Bildrand sehen wir die „Tänzerin“ von Marg Moll (ferner auf dem Foto nicht zu sehen: Otto Baum: „Stehendes Mädchen“sowie Emy Roeders „Schwangere“).

All diese 16 Werke galten als verschollen, vermutlich zerstört. Die Wiederentdeckung der Skulpturen war für Kunsthistoriker einer große Freude. Gefunden wurden in diesem Fall – und dass macht es meiner Meinung nach noch spannender – Werke von Künstlern, die heute nahezu unbekannt sind. Otto Freundlich etwa, dessen Gipskopf sehr populär den Ausstellungskatalog von 1937 zierte und der – als einer der wenigen jüdischen Künstler der Ausstellung – 1943 im KZ Majdanek ums Leben kam, ist heute nur noch wenigen Kunsthistorikern ein Begriff. Von ihm wurden Fragmente einer Kopf-Plastik wiedergefunden, die vor ihrer Beschlagnahmung dem Museum für Kunst und Gewerbe in  Hamburg, gehört hatte. Ein anderes Beispiel ist die Künstlerin Marg Moll, deren „Tänzerin“ in der Femeausstellung einen prominenten Platz inne hatte und deshalb auch auf vielen Fotos zu sehen ist.

Wer kennt heute noch Marg Moll?

Diese Künstlerin hat den Zweiten Weltkrieg überlebt. Ihre Produktion bis 1945 (nur wenig war bis bis zur NS-Zeit in öffentliche Sammlungen gekommen und von dort beschlagnahmt worden) wurde bei Bombenangriffen auf ihr Privathaus zerstört. Sie startete nach Kriegsende praktisch bei Null. Moll war auch nach 1945 künstlerisch, überwiegend bildhauerisch, tätig. experimentierte mit verschiedenen Stilen und Materialien. Sie war in verschiedenen Ausstellungen vertreten, konnte jedoch an das Rennomée, das sie 1937 besessen haben musste, nicht mehr anknüpfen. Der Berliner Skulpturenfund, der in Berlin und in München ausgestellt wurde, gibt der wiederaufgefundenen und restaurierten „Tänzerin“ erneut einen prominenten Platz (sie zierte auch den dazugehörigen Katalog) und rückt die vergessene Künstlerin wieder ins Licht der Öffentlichkeit.

Ausstellung des Berliner Skulpturenfunds

So können heute wiedergefundenen Kunstwerke, die seit der NS-Zeit als verschollen galten, auch zu einer Renaissance von Künstlern führen. Etliche der in der Gurlitt-Sammlung gefundenen Künstler sind ebenfalls weniger bekannt bzw. weniger erforscht und bieten jetzt ein Betätigungsfeld für Kunsthistoriker, auch über die Frage der Provenienz-Klärung hinaus. Da bleibt es zu hoffen, dass auch jetzt, bald 70 Jahre nach Kriegsende – noch weitere der vergessenen Kunstwerke auftauchen, um auch diese Künstler wieder entdecken zu können.

Autorin: Tanja Bernsau Google

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Ein Gedanke zu “Vergessene Kunstwerke der „Entarteten Kunst“

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