Hildebrand Gurlitt – Freund oder Feind der Kunst?

Heute wissen wir, dass Hildebrand Gurlitt als Kunsteinkäufer Hitlers maßgeblich an dem nationalsozialistischen Kunstraub beteiligt war. Das macht die nun in Schwabing aufgefundene Kunstsammlung seines Sohnes auch so heikel, da die Eigentumsverhältnisse alles andere als geklärt sind. Die Taskforce für die Provenienzforschung wird dieses Thema noch eine Weile beschäftigen. Aber Hildebrand Gurlitt war auch Kunstliebhaber, der sich für die Künstler der entartete Kunst einsetzte. Und der auch unter der nationalsozialistischen Kulturpolitik zu leiden hatte, wurde er doch sowohl aus seinem Amt als Direktor des Zwickauer Museums als auch als Leiter des Hamburger Kunstvereins entlassen.

Wie wurde er von den Alliierten nach 1945 wahrgenommen?

1942 war Gurlitt in Hamburg ausgebombt nach Dresden gezogen, wo seine Mutter lebte. Dort begann er Hermann Voss bei seinen Einkäufen für die Kunstsammlung Linz in Paris zu unterstützen. Er selbst sah und beschreibt sich dabei nur als untergeordneter Mitarbeiter, der keine genauen Kenntnisse über die Vorgänge bei offiziellen Stellen gehabt hat. In Paris selektierte Gurlitt die Kaufoptionen für Voss vor und empfahl ihm diese mithilfe von Fotografien. Voss entschied dann, vertrauend auf Gurlitts Kunstsachverstand – anhand dieser Fotos, häufig ohne die Bilder gesehen zu haben. Nur bei einem besonders hohen Preis lehnte er den Kauf ab. Gurlitt selbst gibt an, gewusst zu haben, dass auch jüdische Sammlungen in Frankreich enteignet wurden, selbst involviert sei er in diese Vorgänge aber nicht gewesen. Auch stand er mit anderen beteiligten Personen kaum in Kontakt, sein einziger Ansprechpartner war Hermann Voss.

Nachdem er auch in Dresden ausgebombt war, zog er mit seiner Familie nach Possendorf in der Nähe Dresdens. Auch dort traf er wieder mit Hermann Voss zusammen, der in Weesenstein Zuflucht gefunden hatte. Gemeinsam überlegten sie, wie sie die Kunstwerke der Gemäldegalerie Dresden und auch die Kunstwerke des Wiesbadener Museums, die in Weesenstein ausgelagert waren, schützen könnten. Eine Unterbringung in einer Auslagerungsstätte in Mainfranken wurde angedacht. Dorthin reiste Gurlitt am 22. März 1945 zusammen mit seiner Familie und mehreren Kisten voller Kunstwerken, keines davon allerdings aus der Dresdener Gemäldegalerie. In Aschbach angekommen residierte er mehrere Tage im Schloss des befreundeten Baron Pollnitz, bis er ein kleines Haus im Ort bezog. Danach wollte er – so zumindest seine Aussage gegenüber den Alliierten – nach Dresden zurückkehren und die Kunstwerke der Gemäldegalerie abholen, aber der Kriegsverlauf vereitelte diese Pläne.

In Aschbach residierte zu diesem Zeitpunkt auch der den Alliierten bereits bekannte NS-Kunsthändler Karl Haberstock. Er wurde verhaftet und verhört, ein langes Protokoll dieses Verhörs findet sich zusammen mit den Verhören von Hermann Voss,  Bruno Lohse und vielen weiteren Kunsthändlern in den amerikanischen Archiven. Auch Hildebrand Gurlitt wurde von den Alliierten festgesetzt, seine Sammlung aus Aschberg wurde in den Wiesbadener Central Collecting Point gebracht. Aus unerklärlichem Grund wurde er jedoch nicht ausführlich verhört, zumindest gibt es in den Akten kein Verhörprotokoll, lediglich eine englische Übersetzung seines „sworn statements“ aus dem Juni 1945, wo er neben einem ausführlichen Lebenslauf erklärt, wie er zum Kunsthändler der Nationalsozialisten geworden ist.

Dabei ist es Hildebrand Gurlitt gelungen, ein sehr positives Bild von sich zu zeichnen: der Kunsthändler aus der Not, da ihm andere Berufe verwehrt waren, mit teiljüdischer Herkunft, kein Parteimitglied und Gegner der nationalsozialistischen Ideologie, ein Verfechter der Modernen Kunst und Schützer von Kulturgütern aus deutschen Sammlungen. In den folgenden Jahren bemühte er sich um die Rückgabe seiner im Wiesbadener CCP eingelagerten Kunstwerke. Die dazu eingereichten Empfehlungsschreiben verstärken das Bild der Person, die er selbst in seinen Aussagen gezeichnet  hatte. Auf keinen Fall seien die Kunstwerke von jüdischen Sammlungen enteignet worden. Bereichert habe er sich nicht.

Zu den Liebermann-Gemälden in seinem Besitz macht Gurlitt im Oktober 1946 noch eine separate Erklärung:

M1946_19461004_Schreiben Gurlitt an Breitenbach über Liebermann

Augenscheinlich waren nicht alle Liebermann-Gemälde aus seinem Besitz auch im CCP Wiesbaden eingelagert (dort wissen wir nur von den „Zwei Reitern am Strand“, dem „Karren in den Dünen von Katwijk“ und einem nicht näher bezeichneten „Polospieler“, der allerdings auf keiner Liste auftaucht). Diese Kunstwerke waren alle „regulär“ käuflich erworben, wenngleich Gurlitt sich an die Umstände im einzelnen nicht mehr zu erinnern vermag.

Bis auf wenige Kunstwerke, deren Provenienzen noch zu klären waren, sowie zwei Gemälde, die im CCP gestohlen wurden, hat Hildebrand Gurlitt 1950 alle Kunstwerke seines Besitzes aus dem CCP Wiesbaden zurückerhalten. Die mit der Restitution beauftragten Mitarbeiter konnte er davon überzeugen, dass er – obwohl er den Alliierten als NS-Kunsthändler bekannt war – nur ein Mitläufer war, der sich mehr für die Kunst eingesetzt hatte, als ihr zu schaden.

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4 Gedanken zu “Hildebrand Gurlitt – Freund oder Feind der Kunst?

  1. Bei Durchsicht der inzwischen eingestellten „verdächtigen“ Werke aus dem sogenannten „Schwabinger Kunstfund“ auf lostart fällt auf, daß es sich doch zu einem sehr hohen Anteil um Druckgraphik (Canaletto, Munch, Touluse-Lautrec) handelt, deren Wert weit weniger spektakulär sein dürfte, als von der Presse behauptet. Provenienzangaben wie etwa Besitzer- oder Händlerstempel o.ä. finden sich fast nie. Selbst eine Nummerierung der Abzüge fehlt in der Regel. Man erkläre mir mal, wie kann da überhaupt jemand behaupten und dann beweisen, ein Blatt stamme aus dieser oder jener öffentlichen oder privaten Sammlung, da es doch von solchen Blättern immer mehrere, wenn nicht hunderte Abzüge gab und gibt. Selbst wenn entsprechende Blätter aus Sammlungen in der fraglichen Zeit verloren gingen, sei es durch Raub, Verkauf, Notverkauf etc, was macht ausgerechnet dieses Blatt verdächtig? Allein, daß es bei Gurlitt gefunden wurde? Eine Liste abhandengekommener Druckgraphiken (wie sie des Wuppertaler Museums der Staatsanwaltschaft Augsburg übergeben haben soll) kann doch einen Verdacht weder erhärten noch entkräften, wenn nicht zusätzliche Kennzeichen hinzukommen.
    Abgesehen davon sind auch bei den Handzeichnungen die Titel meist so allgemein, daß auch hier ein Beweis, um welches Blatt es sich genau gehandelt hat, wenn denn Verlustlisten überhaupt existieren, die Schwierigkeit kaum geringer sein dürfte.
    Hildebrandt Gurlitt hat vor 33 und nach 45 auch Kunst gesammelt, Für die Gneralunterstellung, der überwiegende Teil der beschlagnahmten Sammlung sei unredlich erworbene „Raubkunst“ fehlt soweit ich sehe bisher jeder Beweis. Der politische Hype steht in einem Mißverhältnis sowohl zu dem Wert der Sammlung wie der Wahrscheinlichkeit hier frühere Besitzer in größerer Anzahl ausfindig machen zu können, Ganz abgesehen davon sind bisher weder die rechtliche Grundlage der Beschlagnahmung vor zwei Jahren noch deren Verhältnismäßigkeit überzeugend dargelegt worden.
    Gibt es nicht Grenzen der Provenienzforschung, an denen man sich eingestehen muss, das lässt sich nicht mehr aufklären? (Weshalb es ja auch Verjährung gibt).
    Ist das Vorgehen der bayerischen Behörden und am Ende auch die Auswahl und „Kollaberation“ der Gutachter im Sinne eines politisch vorgegebenen Ziels (so und soviele Werke müssen auf lostart eingestellt werden) nicht auch moralisch zweifelhaft? Cornelius Gurlitt muss für sehr vieles büssen, für das er nicht verantwortlich gemacht werden kann.

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    • Es würde mich brennend interessieren, die gesamte Sammlung des Herrn Gurlitt zu sehen, die Schwabing aufgefunden wurde.
      Dabei wird sich sicher zeigen, dass die Qualität einer solchen Sammlung höchst unterschiedlich ist. Neben den uniquen Gemälden renommierter Künstler finden sich darunter – das zeigt sich schon bei den wenigen bekannten Kunstwerken – auch zahlreiche Künstler, die heute beinahe in Vergessenheit geraten sind. Auch bei der Druckgraphik, die, wie Sie richtig anmerken – in teils hoher Auflage produziert wurde, ist der Wert sicherlich niedriger anzusetzen. Zumal etliche der Künstler nicht mal zu identifizieren sind. Ohnehin würde ich es nicht wagen, die gesamte Kunstsammlung dieser höchst unterschiedlichen Werke mit einem monetären Wert zu beziffern, schon gar nicht in Summe. Zum einen, weil es unmöglich wäre, diese Sammlung nun in einem Schwung zu verkaufen – der Markt wäre überschwemmt, die Preise könnten sinken. Oder, das andere Extrem: Einzelne nun sehr medienpräsente Werke würden rein aufgrund ihrer Bekanntheit aus diesem Fall astronomische Werte erzielen. Hier lässt sich lediglich feststellen, dass der Wert für die Kunstgeschichte (und damit meine ich gleichermaßen die verschollenen Kunstwerke etwa eines Max Liebermann oder Marc Chagall wie auch die vergessenen „kleineren“ Künstler, die man nun wiederentdecken kann) unschätzbar ist.

      Die Provenienzforschung für die Gurlittsche Sammlung ist und bleibt spannend. Die Möglichkeiten, wie diese Kunstwerke in den Besitz der Familie Gurlitt gekommen sind, könnten vielschichtiger nicht sein. Hildebrand Gurlitt war gut vernetzt, als Hitlers Kunsthändler standen ihm viele Verbindungen zum Kunstkauf zur Verfügung. Im Prinzip müssen nun bei jedem Kunstwerk die Besitzübergänge rekonstruiert werden, um eine fundierte Aussage über die Eigentumslage treffen zu können. Das ist natürlich bei Drucken und Zeichnungen schwierig (wenngleich auch, wie im Falle der nun schon berühmten „Zwei Reiter am Meer“ von Liebermann ebenfalls mehrere, leicht verschiedene Versionen des Ölgemäldes existierten). In der Regel ist die Seriennummer und Auflage auf einer grafischen Arbeit vermerkt und sollte sich auch in den Erwerbsunterlagen wiederfinden. Sind letztere nicht vorhanden, wird das natürlich schwierig, die eindeutige Zuordnung zwischen dem Fundstück und dem zurückgeforderten Kunstwerk zu bestätigen. Aber genau das ist ja auch der Grund, warum Provenienzforschung ein so langwieriger und zäher Prozess ist. In detektivischer Kleinstarbeit müssen die vielen Puzzleteile zusammengesetzt werden, um das Gesamtbild erkennen zu können. Und erst wenn die Sachlage geklärt ist, kann wirklich entschieden werden, was als nächstes geschehen soll.

      In der Tat fällt Cornelius Gurlitt nun eine unglückliche Rolle zu, als er in der Zeit, in der sein Vater die Sammlung ‚erworben‘ hat, noch ein Kind war – ihn heute für die Taten seines Vaters vor 70 Jahren verantwortlich zu machen, würde in der Tat an Sippenhaft grenzen. Deshalb hat die Staatsanwaltschaft auch kürzlich erklärt, die wirklich eindeutigen ihm gehörenden Werke, bei denen es niemand gibt, der einen Rückforderungsantrag könnte, auch an Cornelius Gurlitt zurückzugeben. Zu Recht, wie ich finde. Für die verbleibenden Kunstwerke muss zumindest der Versuch unternommen werden, die Eigentumsverhältnisse zu klären. Ob Gurlitt dann noch Kunstwerke zurückgegeben muss, ist fraglich. Aber Transparenz ist gefragt, keine Heimlichtuerei. Das Einstellen der Kunstwerke in Datenbank „Lost-Art“ ist ein Anfang, so dass auch nicht an der Taskforce beteiligte Betroffene, oder externe Forscher wie ich, mithelfen können, die Sachverhalte zu klären.

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  2. Danke für diese differenzierte Betrachtung. Bei der Druckgraphik sind in vielen Fällen – soweit ich das aof lostart gesehen habe – Auflagennummerierungen nicht erkennbar oder angegeben, bei alter Kunst ohnehin nicht üblich.
    Juristisch und menschlich bleibt der Fall so oder so sehr sehr fragwürdig, siehe auch das Interview mit Uwe Wesel im Deutschlandfunk vom 1.12.13: http://www.deutschlandfunk.de/der-fall-gurlitt-und-die-folgen-warum-ist-alles-so-schnell.911.de.html?dram:article_id=270708

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