Washington Principles – Eine moralische Verpflichtung zur Rückgabe der Kunstwerke?

Cornelius Gurlitt erhält rund 300 Gemälde seiner Kunstsammlung , die die Staatsanwaltschaft Augsburg mit dem Verdacht, „verfolgungsbedingt entzogen“ zu sein, zurück, da sie einwandfrei als sein Eigentum anzusehen sind. Für die restlichen Kunstwerke der Gurlittschen Sammlung muss nun die Taskforce klären, wie es um die Eigentumsfrage steht. Es besteht die Möglichkeit, dass darunter Kunstwerke sind, die während der NS-Zeit von jüdischen Sammlern enteignet wurden, die ihre Kunstwerke unter Zwang (und damit häufig unter Wert) verkaufen mussten, oder aber im besetzten Ausland „erworben“ wurden. Die juristische Prüfung kann dabei ergeben, dass alle rechtlichen Ansprüche auf eine Herausgabe der Bilder verjährt sind. Aber hat Cornelius Gurlitt dann nicht eine moralische Verpflichtung zur Herausgabe der Werke?

Provenienzforschung, ihre Notwendigkeit und ihre Umsetzung ist erst in den letzten Jahren in den Blickpunkt wissenschaftlicher Publikationen gelangt. Ein Auslöser für die Beschäftigung mit dem Thema ist die so genannte ‚Washingtoner Konferenz’ von 1998, die eine besondere, internationale Relevanz dieses Themas aufzeigte. An dieser Konferenz nahmen Vertreter aus 44 Nationen teil, die im Wesentlichen die folgenden Grundsätze festlegten:

  • Kunstwerke, die von den Nationalsozialisten beschlagnahmt und in der Folge nicht zurückerstattet wurden, sollen identifiziert werden.
  • Es sollen alle Anstrengungen unternommen werden, Kunstwerke, die als durch die Nationalsozialisten beschlagnahmt und in der Folge nicht zurückerstattet wurden, zu veröffentlichen, um so die Vorkriegseigentümer oder ihre Erben ausfindig zu machen.
  • Es sollten Anstrengungen zur Errichtung eines zentralen Registers aller diesbezüglichen Informationen unternommen werden.
  • Die Staaten werden dazu aufgerufen, innerstaatliche Verfahren zur Umsetzung dieser Richtlinien zu entwickeln.

Daraufhin erging am 14.12.1999 auf deutscher Ebene die ‚Erklärung der Bundesregierung, der Länder und der kommunalen Spitzenverbände zur Auffindung und Rückgabe NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturguts, insbesondere aus jüdischem Besitz’. Folge dieser Erklärung, die zunächst nur die Notwendigkeit zur Provenienzrecherche bestimmt, ist eine 88seitige ‚Handreichung zur Umsetzung’ derselben, sowie die Errichtung der Koordinierungsstelle für Kulturgutverluste in Magdeburg. Kernstück dieser Koordinierungsstelle ist die online zugängliche Datenbank ‚Lost Art Internet Database’ (www.lostart.de), die heute bereits mehr als 200 Kunstwerke des Schwabinger Kunstfunds verzeichnet hat. Durch diese Veröffentlichung im Internet wird eine weltweite Recherche nach diesen Objekten und ihren Verlustumständen ermöglicht.

Nach den Washington Principles ist also vorgesehen, dass Museen ihr möglichst tun müssen, um die Rechtslage zu klären und eine Restitution an die Geschädigten in die Wege zu leiten, wenn nicht aus juristischen Gründen, so doch aus moralischen. Aber genau das ist der Knackpunkt: Die Gurlittsche Sammlung hängt nicht in einem öffentlichen Museum, sondern befindet sich im Privatbesitz. Die Washingtoner Erklärung greift nicht. Wenn sich einwandfrei feststellen lässt, dass die Sammlung rechtmäßig Cornelius Gurlitt gehört, gibt es keine Grundlage mehr, ihm diese vorzuenthalten. Auch wenn sein Vater in seinen Kunstkäufen das Recht zumindest sehr gebeugt hat, und auch wenn er sich in der NS-Zeit daran bereichert haben mag, wenn er „gute Kunst für kleines Geld“ erworben oder sogar umsonst bekam, kann sein Sohn dafür heute nicht haftbar gemacht werden, zumal er selbst zum Tatzeitpunkt noch Kind war. Das würde einer Sippenhaft sehr nahe kommen.

Eine moralische Verpflichtung von Gurlitt junior sehe ich nicht. Dennoch halte ich die genaue Prüfung der Provenienzen, soweit da heute noch möglich ist, für unumgänglich. Um Klarheit in die Angelegenheit zu bringen und die causa Gurlitt abschließen zu können.

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