Eindeutig Eigentum der Familie Gurlitt? – wenn Provenienzforschung schnell gehen muss

Wiederholt sich die übereilte Provenienzprüfung der Alliierten?

Cornelius Gurlitt wird rund 300 Gemälde aus seiner beschlagnahmten Sammlung zurückbekommen, bei denen eindeutig feststeht, dass sie sein Eigentum sind. Bei anderen Kunstwerken steht die Klärung noch aus. Mittlerweile sind mehr 200 Gemälde aus der in Schwabing aufgefundenen Sammlung in der Lostart-Database öffentlich einsehbar. Bei diesen Kunstgegenständen ist die Möglichkeit gegeben, dass sie nicht rechtmäßig das Eigentum der Familie Gurlitt seien, dass Hildebrand Gurlitt sie in seiner Tätigkeit als Hitlers Kunstkäufer erworben hatte und sie deshalb als „verfolgungsbedingt entzogen“ einzustufen sind. Eines der bekannteren ist die „allegorische Szene“ von Marc Chagall, die als bislang unbekannt gilt, weil sie im Werkverzeichnis des Künstlers von 1961 nicht auftaucht.

Allegorische Szene mit drei Monden

Dieses Motiv des Künstlers Chagall scheint Hildebrand Gurlitt gemocht zu haben, den offensichtlich hat er es in mindestens zwei Versionen besessen. Die nun bei Lostart veröffentlichte Variante ist eine Gouache auf Papier mit den Maßen Höhe: 63,30 cm  Breite: 48,00 cm.

Ein Aquarell mit dem gleichen Thema befand sich auch unter den Kunstwerken, die die Alliierten von Hildebrand Gurlitt im Jahr 1945 konfiszierten und in den Central Collecting Point Wiesbaden brachten. Im Dezember 1950 erhielt Gurlitt nach längerem Schriftwechsel bis auf 5 Kunstwerke alle eingelagerten Werke seiner Sammlung zurück. Zwei Gemälde waren im Central Collecting Point als gestohlen gemeldet worden, ein Werk von Odilon Redon war versehentlich nach Frankreich mit anderen Kunstgegenständen restituiert worden und dort nicht mehr auffindbar. Zwei weitere Gemälde konnten am 15.12.1950  nicht an Gurlitt rückübereignet werden, da die Provenienzprüfung hier noch Ungereimtheiten aufwies. Eines davon war das erwähnte Aquarell Marc Chagalls mit der Inventarnummer „WIE 2004/4“:

WIE 2004 4 _Vorderseite

Die Schwarz-Weiß-Aufnahme der Property Card zeigt leider nur ein undeutliches Bild, das sich jedoch zumindest von der Komposition und der Beschreibung her mit dem heute gefundenen größeren Bild aus Schwabing in Verbindung bringen lässt. Ein ähnliches Bild, aber nicht übereinstimmend in Maß und Technik – Gurlitt muss also zwei dieser „Allegorien“ von Chagall besessen haben.

Restitution aus dem CCP 1950

Der Chagall aus dem CCP wurde nur kurz danach, am 09.01.1951, auch an Hildebrand Gurlitt restituiert, nachdem er nachweisen konnte, dass er dieses Werk etwa 1943 vom Schweizer Maler Karl Ballmer, dem er beim Aufbau dessen Sammlung behilflich war,  geschenkt bekommen hatte. Eine kurze Bestätigung des Herrn Ballmer wurde als Nachweis vorgelegt. Dies reichte den Restitutionsbeauftragten als Beleg dafür aus, dass dieses Kunstwerk rechtmäßig Herrn Gurlitt gehörte. Allerdings wurde nie angegeben oder untersucht, woher wiederum Karl Ballmer dieses Werk besaß. Möglicherweise hatte Gurlitt auch dieses Werk für Ballmer im Zuge seiner Tätigkeit als Kunsthändler erworben – dann wäre ein Blick auf die Vorbesitzer interessant. Auch dieses Werk könnte verfolgungsbedingt entzogen gewesen sein. In Anbetracht der Menge der Restitutionsfälle, des knappen Personals im CPP und der Tatsache, dass kein Restitutionsantrag eines Anderen vorlag, reichte hier der Nachweis eines legitimen Vorbesitzers aus. Zudem hatte sich Hildebrand Gurlitt als rechtschaffener Kunsthändler positioniert, der als ‚Vierteljude‘ selbst Opfer des Nationalsozialismus war und sich stets für die Moderne Kunst, aber auch für seine jüdischen Mitbürger eingesetzt hat, und im Zusammenhang mit den Kunstkäufen für die Nazis ohnehin nur ein Mitläufer gewesen ist.

Wiederholt sich dieses Vorgehen auch bei der heutigen Provenienzforschung? Nicht unwahrscheinlich, dass sich dieses Kunstwerk noch heute in der Sammlung Gurlitt befindet. Die Einstufung als „bisher unbekannt“ lässt vermuten, dass es seit der Restitution nicht mehr öffentlich zugänglich war. Das trifft bekanntermaßen auch auf die Gurlittsche Sammlung insgesamt zu. Wenn die Taskforce dieses Bild als „eindeutig das Eigentum von Gurlitt“ eingestuft hat, so wie das damals die Alliierten getan haben, wäre es ratsam, das noch mal zu hinterfragen. Auch heute stehen die Provenienzforscher vor der Aufgabe, eine große Anzahl von Kunstwerken zu überprüfen, von denen anzunehmen ist, dass ein Teil definitiv Gurlitt gehörte, die man also schnell abhandeln kann. Aber auch bei der Vielzahl der zu klärenden Besitzübergänge dürfen Kunstwerke ohne eingehende Prüfung nicht zu schnell in eine Schublade „rechtmäßiges Eigentum“ geschoben werden. Eine Mammutaufgabe, keine Frage. Aber notwendig. Sonst wiederholt sich dieser Fall in 50 Jahren noch einmal.

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