Gurlitt damals und heute – Vom öffentlichen Interesse an einer privaten Sammlung

„Liebermann, Max - Zwei Reiter am Strand - Gurlitt“ von Max Liebermann - 2. spiegel.de1. Süddeutsche Zeitung 06.11.2013 cropped. Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons - http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Liebermann,_Max_-_Zwei_Reiter_am_Strand_-_Gurlitt.jpg#/media/File:Liebermann,_Max_-_Zwei_Reiter_am_Strand_-_Gurlitt.jpg

Max Liebermann, Zwei Reiter am Strand (Bildquelle: Wikipedia)

Das Medieninteresse am „Fall Gurlitt“ ist enorm. Täglich erscheinen neue Meldungen über die Sammlungsinhalte, die Personen Hildebrand und Cornelius Gurlitt, das Verhalten der Staatsanwaltschaft und der Provenienzforscher sowie über die Reaktionen aus dem In- und Ausland. Warum ist die öffentliche Aufmerksamkeit an dieser Sammlung so groß? Im wesentlichen sehe ich drei Aspekte bzw. drei Interessenlagen in diesem Fall:

Die juristische Frage

Auf der einen Seite haben wir die juristische Frage nach den Eigentumsverhältnissen zu klären. Wem gehören die Kunstwerke der Sammlung Gurlitt?

Die Staatsanwaltschaft Augsburg hat angekündigt, dass sie zumindest ein Teil der beschlagnahmten Sammlung an Cornelius Gurlitt zurückgeben wird. Diese sind eindeutig als sein Eigentum anzusehen, der Rest müsse noch geklärt werden. Immer mehr dieser Kunstwerke werden nun in der Datenbank „LostArt“ der Koordinierungsstelle für Kulturgutverluste veröffentlicht, um die Provenienzen klären zu können. Diese Kunstwerke könnten aus der Verwertung von Kunstwerken der sogenannten „Entarteten Kunst“ stammen, bei der die NS-Regierung zahlreiche moderne, unerwünschte Kunstwerke aus öffentlichen und privaten Sammlungen entfernt und verkauft bzw. zerstört hat – Hildebrand Gurlitt war hier ebenso beteiligt wie am Einkauf von Kunstwerken im Ausland im Auftrag von Adolf Hitler für dessen geplantes Führermuseum in Linz.

Dabei ist der Fall juristisch betrachtet eigentlich klar: Schon die Beschlagnahme der Sammlung durch die Staatsanwaltschaft Augsburg ist höchst kritisch zu beurteilen. Cornelius Gurlitt hat die Kunstsammlung von seinen Eltern geerbt. Einige Kunstwerke davon wird sein Vater, Hildebrand Gurlitt, sicherlich auf legalem Wege erworben haben. Vor 1939 und auch nach 1945 sammelte er Kunst. Unter der Sammlung befinden sich aber auch zahlreiche Werke, die er während der NS-Zeit auf unlauterem Weg erworben hatte, und auf die Geschädigte Anspruch auf Rückgabe hatten. Das war nach dem Zweiten Weltkrieg durch die Besatzer geregelt: Alliierte Rückerstattungsgesetze der Militärregierung aus dem Jahr 1949 sahen eine Ausschlussfrist für die Anmeldung von Restitutionsforderungen Geschädigter von einem Jahr vor. Bis 1950 bestand demnach diese Möglichkeit, bei alliierten Stellen sein Eigentum, das in der NS-Zeit verfolgungsbedingt entzogen wurde, zurückzufordern. Rückerstattungsansprüche, die danach angemeldet wurden, sind juristisch unwirksam. Diese Frist – sie betraf ja nicht nur Kunstwerke, sondern alle Vermögenswerte wie zum Beispiel auch Immobilien – wurde deshalb so kurz angesetzt, um Rechtssicherheit zu schaffen, damit der wirtschaftliche Wiederaufbau nicht durch jahrelange Verfahren gehemmt würde. Bekannte Fälle von Restitutionen, die danach erfolgten,  wie etwa die Rückgabe der „Straßenszene“ von Ernst Ludwig Kirchner an die Erben der Familie Hess, sind auf ‚moralische Gründe‘ zurückzuführen, nicht auf einen Paragraphen. Diese moralischen Gründe für eine Herausgabe könnte man natürlich auch hier anführen, da sich Hildebrand unrechtmäßig an jüdischem Eigentum bereichert hat, aber juristisch ist der eindeutig: Rückforderungsansprüche gegenüber Hildebrand Gurlitt sind verjährt, die Sammlung gehört dem Erben Cornelius Gurlitt.

Aus Sicht der (Kunst-)Historiker

Dazu kommt eine (kunst-)historische Komponente. Für Kunsthistoriker und vor allem für Provenienzforscher stellt sich der Schwabinger Kunstfund als großartiger Schatz dar. Wie meine ich das? Als Kunsthistorikerin befürworte ich die Klärung aller Provenienzen, sofern das möglich ist. Die bisherigen Besitzübergänge der einzelnen Kunstwerke sollten geklärt sein, damit das Kunstwerk frei von der Gefahr möglicher Rückforderungen ist. Mit diesem Makel behaftet würden es die Kunstwerke auf dem Kunstmarkt sehr schwer haben, wenn sie dereinst wieder in den Verkauf gelangen. Spätestens dann tritt die Unsicherheit ob der Eigentumsverhältnisse wieder ans Tageslicht. Auch wenn aus juristischer Sicht die Eigentumslage feststeht, haftet den ungeklärten Provenienzen doch immer ein „Hauch des Bösen“ an. Und das Risiko, das teuer erstandene Kunstwerk doch wieder (aus welchen Gründen auch immer) zurückgeben zu müssen, möchte kein Käufer eingehen. Aus diesem Grunde sollten wir versuchen, so genau wie das eben heute noch möglich ist, die Erwerbsumstände zu untersuchen und zu dokumentieren.

Besonders für Kunsthistoriker interessant ist diese Sammlung, weil sie viele Kunstwerke beinhaltet, die wir noch nicht kannten. Damit meine ich sowohl einzelne Werke durchaus bekannter Künstler wie Pablo Picasso oder Marc Chagall, aber auch Künstler, deren Oeuvre beinahe vollständig in Vergessenheit geraten ist, wie etwa Christoph Voll oder Wilhelm Lachnit. Die meisten der nun bei Gurlitt aufgetauchten Kunstwerke fehlen in den Werkverzeichnissen, sie sind der Kunstgeschichte noch nicht bekannt. Wie Appetithäppchen haben wir diese neuen Bilder einmal sehen dürfen, ohne genaueres darüber zu erfahren. Wünschenswert für die Kunstgeschichte wäre es natürlich, diese Kunstwerke auch untersuchen zu können. Da diese Kunstwerke aber einem privaten Sammler gehören, bleibt es bei diesem Wunsch.

„Menschlich betrachtet“

Und schlussendlich hat die Gesellschaft ein Interesse an diesem Fall, da er noch immer nicht wiedergutgemachtes Unrecht aus der NS-Zeit aufdeckt. Viele, vor allem jüdische Sammler, wurden während dieser Zeit um ihre Kunstwerke gebracht, unzählige Fälle davon sind bis heute, nahezu siebzig Jahre nach Kriegsende nicht geklärt. Die Antragsfrist für Restitutionsansprüche war kurz. Erforderliche Schriftstücke, die die Eigentumsverhältnisse nachweisen könnten, waren kriegsbedingt verloren gegangen. Auch nach 1945 konnten viele Nazi-Kunsthändler ihrer Tätigkeit unbehelligt nachgehen und auch weiterhin ihre Beute in den Kunstmarkt bringen. Viele Geschädigte respektive ihre Erben konnten nicht entschädigt werden, weil der Verbleib der Kunstwerke im Dunkeln geblieben ist.

Mit einer umfassenden Provenienzklärung  können wir dazu beitragen, ein weiteres Stück Vergangenheit zu bewältigen. Hinter jedem Stück Beutekunst, hinter jedem Kunstwerk, das seinen Eigentümern verfolgungsbedingt entzogen wurde, steckt ein menschliches Schicksal, dem in der NS-Zeit übel mitgespielt wurde. Die Aufklärung der Provenienzen bringt weiteres Licht in diese dunkle Episode deutscher Geschichte und hilft uns, die Zusammenhänge besser zu verstehen. Aus diesem Grund hat die Öffentlichkeit ein so großes Interesse an diesem Fall, weil sich zeigt, dass das NS-Unrecht bei weitem nicht getilgt ist.

Dazu kommt aber auch das Mitleid mit der Person des Sammlers heute, der für die Verbrechen, die sein Vater begangen hat, nicht bestraft werden sollte. Er lebte zurückgezogen mit diesen Kunstwerken, hat selbst sein ganzes Leben lang nie gezweifelt, dass diese sein rechtmäßiger Besitz sind. Nun steht der alte Herr plötzlich im Blitzlichtgewitter, kann seine Wohnung nicht mehr verlassen, ohne von Journalisten belagert zu werden. Cornelius Gurlitt wird, sollte er dereinst seine Sammlung zurückbekommen, eine sehr gute Alarmanlage brauchen: Man kennt den Besitzer, den Wohnort und den Wert der Sammlung – ein gefundenes Fressen für Kunstdiebe. Für ihn hat sich die Welt vollständig verändert.

Juristisch betrachtet ist die Eigentumslage geklärt: Rückforderungsansprüche können nicht mehr geltend gemacht werden, gleich wie die Besitzübergänge stattgefunden haben. Kunsthistorisch betrachtet haben wir es mit einer spannenden, da verschollen geglaubt oder sogar ganz unbekannten Sammlung zu tun, die es wert wäre, genauer untersucht zu werden. Hinsichtlich ihrer Provenienz, aber auch um sie der Kunstgeschichte hinzufügen zu können. Und menschlich berührt uns dieser Fall, weil wir gerne die Person Cornelius Gurlitt kennen lernen wollen, weil wir verstehen wollen, wie es dazu kommen konnte, dass sein Vater diese Kunstwerke zusammentragen konnte. Aber auch, weil wir uns empören über die NS-Untaten, weil wir die Forderungen der Erben unterstützen und weil wir endlich einen Schlussstrich ziehen wollen unter die Verbrechen, die unsere Großeltern begangen habe.

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