Was ist die Sammlung Gurlitt wirklich wert?

„Liebermann, Max - Zwei Reiter am Strand - Gurlitt“ von Max Liebermann - 2. spiegel.de1. Süddeutsche Zeitung 06.11.2013 cropped. Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons - http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Liebermann,_Max_-_Zwei_Reiter_am_Strand_-_Gurlitt.jpg#/media/File:Liebermann,_Max_-_Zwei_Reiter_am_Strand_-_Gurlitt.jpg

Max Liebermann: Reiter am Strand (Bildquelle: Wikipedia)

In den Medien geistert immer wieder ein monetärer Wert der Sammlung Gurlitt umher – der Versuch, die Menge und die Bedeutung der Kunstwerke auch für Kunstlaien begreifbar zu machen. Wie kommt man auf einen solchen Wert? Und was ist die Sammlung Gurlitt wirklich wert?

Zum einen ist es von außen betrachtet natürlich schwierig, die „Sammlung Gurlitt“ als Ganzes zu beurteilen, da nicht alle Kunstwerke bisher veröffentlicht wurden und man nur einzelne Werke genauer kennt.

Nun ist es für Kunsthistoriker ja ein Unding an sich, Kunstwerte in Euro zu beziffern. Aber auch wenn ich es versuchen würde, wüsste ich nicht, welchen Wert ich nennen muss. Welche Faktoren spielen eine Rolle?

  • Die komplette Sammlung Gurlitt
    Wollte man die große Sammlung mit einem Wert beziffern, muss man feststellen, dass sie am Stück praktisch unverkäuflich ist. Kein Käufer könnte so viele Werke auf einmal aufnehmen respektive bezahlen, es sei denn es handele sich um einen  Museumsgründer. Dazu sind die Kunstwerke darin so unterschiedlich, dass sie verschiedene Sammlungsgebiete ansprechen. Ein möglicher Käufer etwa für Max Liebermann interessiert sich möglicherweise nicht für die Malerei von Christoph Voll oder die Zeichnungen unbekannter Künstler. Die Sammlung müsste aufgeteilt zum Verkauf kommen, in unterschiedliche Kanäle, was es mir erschwert, den möglichen Wert einzuschätzen.
  • Anstieg des Angebots
    Wie gesagt sind die kompletten Bestände der Sammlung nicht bekannt. Denkbar ist, dass Gurlitt Schwerpunkte gesetzt hat und von besonderen Künstlern mehrere Werke besessen hat. Sind das viel Werke,  besteht für diese Künstler die Gefahr, dass der Markt  – brächte man nun alle Kunstwerke zum Verkauf – überschwemmt würde. Die Preise könnten sinken.
  • Zusammenstellung der Sammlung 
    Ist denn alles wertvoll, was sich in der Sammlung befindet? Man kennt ein paar Highlights, die sicher einen höhen Schätzwert erzielen würden. In der Sammlung befindet sich aber auch eine ganze Zahl Kunstwerke von geringerem Wert, darunter auch einige Kunstwerke, bei denen nicht mal der Künstler benannt werden kann. Wie kommt die Presse da auf den Milliardenwert? Ich weiß es nicht.  Ein Ölgemälde von Max Liebermann ist sicherlich im sechstelligen Bereich anzusiedeln, einzelne Verkäufe in der Vergangenheit haben auch mal die Millionengrenze geknackt. Die Werke des Künstlers Louis Gurlitt würden möglicherweise nur wenige Tausend Euro erzielen.
  • Provenienz-Unsicherheit
    Immer noch kennen wir nicht von allen Bildern die Erwerbsumstände. Kunstwerke.  Was mich nicht weiß, macht mich nicht heiß – in der Vergangenheit sind immer wieder Bilder mit ungeklärten Provenienzen im Kunsthandel aufgetaucht, die auch verkauft wurde. Da hat man sich nicht so viel Gedanken gemacht. Der Fall Gurlitt stellt sich anders da. Hier weiß man nun, dass die Bilder heikel sind. Dies könnte ein Makel auf dem Kunstmarkt sein, der erst geheilt wird, wenn die Herkunft des Bildes ausreichend geklärt ist auch. Auch wenn juristisch gesehen keine Rückforderungsanträge mehr gestellt werden können, möchte man doch kein Kunstwerk (teuer) erwerben, bei dem man plötzlich aus moralischen Gründen durch die Medien und die Öffentlichkeit zur Herausgabe der Bilder aufgefordert wird.  Das wiederum senkt den möglichen Verkaufspreis.
  • Prominenz der Sammlung

    Christoph Voll: „Mönch“, Aquarell, 1921. Bild: dpa (Süddeutsche Zeitung)

    Die Bekanntheit dieser Sammlung, wie sie jetzt durch den Medienrummel erzeugt wurde, ist natürlich ein Preissteigerer per se. Jeder kennt nun Liebermanns Reiter am Strand, oder die Gouache von Marc Chagall. Kämen einzelne dieser mediengehypte Werke zum Verkauf, könnten die Preise in astronomische Höhen steigen, weit über die bisherigen Lospreise der Künstler. Dies betrifft aber auch die Künstler, die wir bereits vergessen hatten, und die nun wieder aufgetaucht sind, wie etwa Christoph Voll, über dessen Entdeckung ich mich besonders freue. Hier bin ich in der Tat auf die Preisentwicklung am Markt gespannt. Er hinterließ kein besonderes umfangreiches Ouevre, nur wenige Kunstwerke sind bislang auf den Markt gelangt. Aquarelle dieses Künstlers waren bislang schon für rund 1000 Euro zu bekommen. Nun ist dieses Bild in vielen Pressemeldungen abgebildet. Klärt sich die Provenienz dieses Werkes auf und kommt es dereinst auf den Kunstmarkt, möchte ich einen sehr viel höheren Marktwert für dieses Kunstwerk prognostizieren. Hier dürfte sich die Prominenz durch den Sammlungsnamen und das Medieninteresse wertsteigernd auswirken.

Aufgrund dieser Aspekte fällt es mir schwer, die Kunstwerke mit harten Euros zu taxieren. Der Milliardenwert ist sicherlich übertrieben. Einige Millionen scheint mir jedoch realistisch zu sein.

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