Kunstraub oder Kunstschutz? Der Beutezug der amerikanischen Besatzer (1)

Teil 1: Der Central Collecting Point Wiesbaden erhält Besuch

Museum Wiesbaden 1946; (Bildquelle: James J. Rorimer papers, Archives of American Art, Smithsonian Institution)

Museum Wiesbaden 1946; (Bildquelle: James J. Rorimer papers, Archives of American Art, Smithsonian Institution)

Es ist kalt, an diesem Novembertag im Jahr 1945. Capt. Walter Farmer, Leiter des Wiesbadener Central Collecting Points Wiesbaden fröstelte, als er die Stufen zum Museumsgebäude emporstieg. Er war in Gedanken: Gestern war wieder ein Neuzugang im CCP eingetroffen. Kunstschutzoffizier Capt. Tregor hatte ihm ein Gemälde aus Berlin gebracht, das aus der Sammlung Goebbels stammte und damit im Verdacht stand, Nazi-Beutekunst zu sein. Das wollte er genauer unter die Lupe nehmen. Bisher hatte die Wiesbadener Sammelstelle hauptsächlich Werke der Berliner Museen aufgenommen, die gegen Ende des zweiten Weltkriegs in einem Salzbergwerk im thüringischen Merkers ausgelagert waren. Diese Kunstwerke hatten seine Armee-Kameraden von der Monuments, Fine Arts & Archive Section seit August 1945 in das Wiesbadener Museum gebracht, das Farmer seit dem Sommer in fieberhafte Eile zu einer Sammelstelle für die überall verstreuten ausgelagerten Kunstwerke ausgebaut hatte. Und nun war in seiner Sammelstelle wieder „Nazi-Loot“ eingegangen? Solche Fälle untersuchte Farmer gerne persönlich. Er schloss die schwere Eingangstür hinter sich und setzte seinen Weg ins Gemäldedepot fort.

„Good Morning, Capt. Farmer!“ hörte er eine freundliche Stimme aus dem Halbdunkel der Eingangshalle. Farmer wandte sich zu der jungen Frau im dunklen Kostüm um, die mit einer Aktenmappe an ihn herantrat. „Guten Morgen, Fräulein Hobirk“, sagte er lächelnd. Diese wenigen Worte gehörte zu seinem deutschen Wortschatz. Für jede darüber hinausgehende Kommunikation mit deutschen Museumsangestellten war er heilfroh, die attraktive Übersetzerin an seiner Seite zu haben, die ihm mittlerweile als persönliche Assistentin unverzichtbar geworden war. Auf englisch sprach er deshalb weiter:  „Ich bin auf dem Weg ins Depot, um mir Goebbels Champaigne-Porträt noch mal anzuschauen. Vielleicht kann ich auf die Etiketten auf der Rückseite bei Tageslicht doch besser erkennen. Es wäre doch gelacht, wenn sich nicht rausfinden ließe, wem dieser Verbrecher dieses Gemälde abgeluchst hat. Wollen Sie mitkommen?“

Renate Hobirk schüttelte den Kopf – auf ihrem Schreibtisch türmten sich sich die noch nicht vollständig ausgefüllten Property Cards von der letzten Fuhre Kunstwerke, die den CCP erreichten. Und die Anträge aus Holland mussten auch noch gesichtet werden, bevor der Gesandte nach Wiesbaden kam. „Sie denken an Col. McBride?“ fragte sie den schon weiterlaufenden Farmer. Der runzelte die Stirn. „Wer?“ – „Col. McBride. Aus Washington. Er kommt heute mit Lamont Moore, um den Central Collecting Point zu besichtigen. Haben Sie das vergessen?“ – „Damn it….. entschuldigen Sie Fräulein Hobirk. Das habe ich wirklich vergessen. Ich hab jetzt wirklich keine Zeit, wieder jemanden herumzuführen.“ Er seufzte vernehmlich. „Bleibt mir wohl nichts anderes übrig, Renate, oder?“  Sie schüttelte bedauernd den Kopf. Sie wusste, dass ihr Chef alle Hände voll zu tun hatte. Immer wieder kamen Vorgesetzte und Besucher aus den Staaten, die eine Führung durch den CCP verlangten, um die vielen sichergestellten Kunstwerke zu bewundern. Aber seinen Vorgesetzten konnte er dies schlecht verweigern. „Ist Kenneth da? Dann schicken Sie ihn bitte zu mir, sobald die Herren eintreffen. Er kann mich dann begleiten. Jetzt geh ich mir trotzdem erst unseren Neuzugang anschauen!“

Walter Farmer beim Sichten des CCP-Bestands (Bildquelle: 3Sat)

Walter Farmer beim Sichten des CCP-Bestands (Bildquelle: 3Sat)

Um die Mittagszeit fuhr der Jeep mit den Herren McBride und Moore vor. Sie wurden von Renate Hobirk und dem amerikanischen CCP-Mitarbeiter Kenneth Lindsay in Empfang genommen. Anschließend machten sie sich gemeinsam mit dem hinzugekommenen Farmer auf den Weg durch die Depoträume. Anders als die bisherigen Besucher schien McBride sich hauptsächlich für das Gebäude zu interessieren. „Wann haben Sie den CCP in Betrieb genommen?“ fragte er. „Im Sommer. Seit Juli kommen die ersten Kunstwerke hier an, Sir.“ –

„Haben Sie die Gebäude so vorgefunden, Captain?“ – „Beinahe. Das Gebäude war weitgehend intakt. Im Krieg war hier das Hauptquartier der deutschen Luftwaffe stationiert, aber wir haben anscheinend nicht gut genug gezielt, als wir Wiesbaden angriffen. Die Fensterscheiben waren hin, und auch das Dach mussten wir flicken, aber das wars auch schon.“

Col. McBride brummte und ging in den nächsten Raum weiter. „Haben Sie denn genug Wachpersonal?“ – „Die Sicherheit der Kunstwerke ist gewährleistet, Col. McBride“, antwortete Farmer. „Das Gebäude ist mit mannshohem Stacheldrahtzaun umgeben. Nachts beleuchten Suchstrahler das Gebäude. Tagsüber haben wir zwei Posten im Gebäude von der deutschen Polizei, von unseren Leuten sind drei Posten am Tag und zwei bei Nacht aufgestellt.“ –

„Bisschen kalt hier, was?“ – „Ja, Kohlen sind knapp. Ich habe bereits eine Sonderzuteilung beantragt, ich hoffe, dass die noch rechtzeitig ankommen, bevor der Winter richtig losgeht.“

Noch einen Raum weiter betrachtete McBride die Decke. „Sind Sie sicher, dass das Dach dicht ist? Sieht feucht aus“. Farmer wandte sich mit fragendem Blick an seinen Kollegen Lindsay. Solch einen kritischen Besucher hatten sie noch nicht gehabt. „Was sind denn das für Wasserschalen hier in der Ecke?“ fragte der Colonel weiter. Ken Lindsay schaltete sich ein: „Die sind für die Luftfeuchtigkeit. Mit den Wasserbehältnissen können wir die Luftfeuchtigkeit kontrollieren und sorgen so für die besten klimatischen Verhältnisse für die Holzgemälde.“ – „Aha“, antwortete McBride knapp und setzte seinen Rundgang fort. Farmer und Lindsay folgten ihm mit verwunderten Mienen. Warum ist der Besucher denn so gründlich? Für die Kunstwerke selbst scheint er sich auch nicht wirklich zu interessieren.

Nach weiteren quälenden 45 Minuten voller Fragen und Beanstandungen zu der Unterbringung der Kunstwerke, der Regalsysteme und die Personalstruktur verabschiedeten sich die Gäste und ließen die CCP-Mitarbeiter irritiert zurück. Ein merkwürdiger Besuch war das. Aber Farmer hatte jetzt keine Zeit darüber nachzudenken. Er musste wieder zu seinen Bildern.

Nur wenige Tage nach dem Besuch McBrides sollte Farmer erfahren, was es mit dem merkwürdigen Verhaltens des Colonels auf sich hatte.  Am 06. November erhielt der Central Collecting Point ein Telegramm der 7th US Army  Es sollten schnellstmöglich Vorkehrungen getroffen werden, um „a selection of at least two zero zero german works of art of greatest importance“nach Amerika zu verschicken. Farmer schluckte. Er soll Kunstwerke aus der Sammelstelle nach Amerika schicken? Die Unterbringung in Wiesbaden sei nicht sicher? Das hatte McBride also untersucht. Das war ja blanker Hohn. Sicherlich, das Museumsgebäude befand sich nicht auf dem Niveau einer National Gallery of Art, Washington. Grundgütiger, hier gab es einen Krieg! Wochen hatte er damit verbracht den CCP zum Laufen zu bringen. Und nun sollte seine Arbeit umsonst sein? Denn Farmer war sich sicher: diese 200 Kunstwerke waren erst der Anfang. So viele Kunstwerke konnten in einer Schiffladung in die USA transportiert werden. Nach und nach würde sich der CCP leeren. Farmer musste sich setzen. Er war ein „Monuments Man“ geworden, weil er sich für das europäische Kulturerbe einsetzen wollte. Auch für deutsches Kulturerbe, gleich welche Verbrechen die Deutschen begangen haben. Kunstwerke, so sie denn rechtmäßig den Deutschen gehörten und nicht als Raubkunst anzusehen sind, waren ein wichtiger Bestandteil des Selbstverständnisses einer Nation. Unverzichtbar für den Wiederaufbau. Deshalb mussten sie für das Land – aber vor allem aber in dem Land bewahrt werden. Dafür hatten er und die anderen Kunstschutzoffiziere gekämpft. Mit dieser Einstellung konnten sie das Vertrauen der deutschen Mitarbeiter im Museum gewinnen, ohne deren Mithilfe der CCP nicht würde existieren können.

Wie sollte er seinen Mitarbeitern gegenüber treten, wenn Amerika sich des gleichen Verbrechens schuldig machte, dessen man die Deutschen anklagte, indem es Beutekunst aus dem besetzten Land in die Heimat abtransportierte? Farmer zerknüllte das Telegramm mit zitternden Händen. Nein, das wird nicht geschehen. Das darf nicht geschehen.

Er musste handeln.

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Hinweis: Die geschichtlichen Hintergründe sind aus den Quellen und der Sekundärliteratur recherchiert, basieren also auf Fakten. Ich habe mir in diesem Beitrag lediglich die Freiheit genommen, diese Fakten durch eine erfundene wörtliche Rede der Protagonisten anzureichern. 
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2 Gedanken zu “Kunstraub oder Kunstschutz? Der Beutezug der amerikanischen Besatzer (1)

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