Kunstraub oder Kunstschutz? Der Beutezug der amerikanischen Besatzer (3)

Teil 3: Das Wiesbadener Manifest

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Am Abend des 6. Novembers, die anderen CCP-Mitarbeiter waren längst gegangen, blieben Farmer und Renate Hobirk noch im Büro zurück, um heute liegen gebliebene Fälle zu besprechen. Die Assistentin legte Farmer dabei die einzelnen Property Cards von Kunstwerken vor, bei denen die Eigentümerschaft noch nicht eindeutig geklärt war. Dabei setzte Farmer mehrmals an, um über die heutigen Ereignisse zu sprechen, um ihr zu erklären, was er vorhatte. Renate Hobirk, seine treue Mitarbeiterin, hatte heute morgen nicht lange gefragt, sondern auch zum Hörer gegriffen, um die in Europa verstreuten Kunstschutzoffiziere nach Wiesbaden zu beordern. Noch wusste sie nicht, worum es sich handelte. Oder ahnte sie bereits etwas? Das Telegramm, das Farmer wutentbrannt hatte zu Boden fallen lassen, hatte er glatt gestrichen auf seinem Schreibtisch vorgefunden. „Fräulein Hobirk….“, setzte er wieder an.

„Und dann haben wir hier als letztes für heute noch das Goebbels-Bild. Dr. Schoppa hat bereits vorgeschlagen, es zu den möglichen Restitutionskandidaten zu stellen, bis wir wissen, ob ein Antrag gestellt wird. Sie hat glaube ich schon mit Ihnen gesprochen, oder?“ Sie sah ihn fragend an. „Fräulein Hobirk…. Sie wissen, warum ich die anderen Monuments Men nach Wiesbaden bestellt habe, oder?“

Renate Hobirk legte die Property Card wieder zurück in den Karteikasten. „Ja, Captain Farmer. Ich habe das Telegramm gesehen.“ Sie wandte sich zu ihrem Vorgesetzten um. „Was haben Sie vor?“ – „Tja, genau weiß ich das auch noch nicht. Aber gemeinsam muss uns doch eine Lösung einfallen. Das sind doch alles Fachleute – Kunsthistoriker, Museumsmitarbeiter, Leute, die die richtigen Leute kennen, die wissen, wie dieses System funktioniert. Vielleicht habe die anderen eine Idee, wie wir den Abtransport verhindern können.“ Er griff nach ihrer Hand. „Wir sind nach Europa gekommen, um die Kunstschätze vor Ort zu bewahren. Es kann doch nicht angehen, dass wir die viele Arbeit gemacht haben, um die Kunstwerke dann als Trophäen mit nach Hause zu bringen. Uns wird was einfallen, Fräulein Hobirk, uns wird was einfallen.“

Kenneth Lindsay (Bildquelle: Rape of Europe)

Kein Geräusch drang durch die verschlossenen Türen des Raumes, in dem die Monuments Men wenig später ihr Treffen abhielten. 24 der 32 in Europa stationierten Offiziere waren Farmers Aufruf nach Wiesbaden gefolgt: Julius Buchmann, Doda Conrad, Walter Forman, Dale V. Ford, Walker Hancock, Clyde M.Harris, Theodore A. Heinrich, Walter Horn, Thomas C. Howe, Sheldon W. Keck, Patrick J. Kelleher, Robert A. Koch, Stephen Kovalyak, Richard A. Kuhlke, Everett Leslie, William Lovegrove, Lamont Moore, J.T. Morey, Charles Parkhurst, Edward J. Putrux, Edwin C. Rae, Samiel Ratensky, Frederick C. Shrady und Edith A. Standen saßen nun Farmer gegenüber, der ihnen die Situation erklärte: „Unsere ganze Operation wird ad absurdum geführt. Es gibt nicht nur keinen Grund, diese Kunstwerke in den Vereinigten Staaten zu ‚beschützen‘. Die Gemälde auf Holz und Leinwand zudem im tiefsten Winter über den Atlantik zu befördern, hieß, sie den schädlichsten klimatischen Bedingungen auszusetzen, die man sich vorstellen kann!“ Die anderen Offiziere nickten. „Ihr Abtransport aus Deutschland würde zudem bei den Deutschen notwendigerweise den Verdacht entstehen lassen, wir Amerikaner würden jetzt dasselbe tun, weshalb man gerade Anklagen gegen deutsche Kunsträuber erhebt: nämlich unter dem Namen ‚Safekeeping‘ – also durch ‚Sicherstellungen‘ – von Kunstgut dessen Plünderung vorzubereiten.“

Es war schon später Nachmittag, als Farmer das handschriftliche Ergebnis ihrer Versammlung Renate Hobirk gab, damit sie dies auf ihrer Schreibmaschine ins Reine schreiben kann:
Wiesbadener Manifest
„Bitte tippen Sie das gleich ab, Fräulein Hobirk. Wir wollen alle noch unterschreiben. Alle, die da waren. Weitere haben per Telegramm ausrichten lassen, dass sie das unterstützen und einen eigenen Brief an den Kommandanten schreiben. Und dann geben wir das direkt an General Clay. Es wäre doch gelacht, wenn wir den Abtransport der Kunstwerke nicht aufhalten könnten!“

Fortsetzung folgt!

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Hinweis: Die geschichtlichen Hintergründe sind aus den Quellen und der Sekundärliteratur recherchiert, basieren also auf Fakten. Ich habe mir in diesem Beitrag lediglich die Freiheit genommen, diese Fakten durch eine erfundene wörtliche Rede der Protagonisten anzureichern.

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2 Gedanken zu “Kunstraub oder Kunstschutz? Der Beutezug der amerikanischen Besatzer (3)

  1. Pingback: Welche Bedeutung hatten die “Monuments Men” wirklich? | Tanja Bernsau

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