Max Liebermann und der Karren – Ein Beispiel für Provenienzforschung

Ein besonders interessantes Gemälde, das einst zur Sammlung Hildebrand Gurlitt gehörte, ist der „Karren in den Dünen bei Katwijk“ von Max Liebermann. Dieses Bild war mit vielen anderen nach dem Zweiten Weltkrieg im Wiesbadener Central Collecting Point eingelagert – und wurde damals an den rechtmäßigen Eigentümer restituiert. Nicht unbedingt der Regelfall.
Am 1. Juli 1947 formulierte Gurlitt den Claim über den „Karren in den Dünen“ (mit der WIE-Nummer 1928 registriert), den er 1937 aus der Hamburger Kunsthalle käuflich erworben habe. Da Liebermann jüdischer Künstler war, konnte die Kunsthalle dieses Werk nicht behalten. Die angekündigten Bestätigungen von seiten der Hamburger Kunsthalle standen zu diesem Zeitpunkt noch aus. Daran zeigt sich auch, wie langwierig ein solcher Restitutionsprozess sein kann. Von der Hamburger Kunsthalle reichte Gurlitt eine Bescheinigung nach, die bestätigt, dass die Kunsthalle das Liebermann-Gemälde „Wagen in den Dünen bei Katwijk“ aufgrund dessen jüdischer Abstammung an Gurlitt verkauft habe. Der Direktor bittet um die Rückgabe an Gurlitt, der wiederum bereits schriftlich zugesichert habe, das Gemälde an die Kunsthalle kostenlos zurückzugeben. Ob tatsächlich eine kostenlose Rückgabe an die Hamburger Kunsthalle erfolgt ist, ist nicht sicher, aber das Gemälde befindet sich heute wieder in deren Besitz.

Als jüdischer Künstler war Max Liebermann und sein Werk stets den Anfeindungen durch den NS-Staat ausgesetzt. Er selbst starb bereits 1934, aber seine Kunstwerke wurden aus vielen Sammlungen entfernt. Zahlreiche unklare Besitzübergänge während der NS-Zeit prägen die Geschichte der Gemälde. Kunstwerke, die heute in den Handel kommen, sind deshalb heute in der besonderen Aufmerksamkeit hinsichtlich ihrer Provenienz. Schon vor einigen Jahren sorgte ein „Karren“ von Max Liebermann für Wirbel. Damals war es ein „Gemüsekarren“ aus dem Jahr 1906, ein Werk der Sammlung Karg, die 2006 beim Münchner Auktionshaus Hampel versteigert werden sollte. Mit der Provenienzerforschung für diese Sammlung wurde das Kölner Art Loss Register betraut. Bis zum Start der Auktion konnte für vier Kunstwerke, darunter der „Gemüsekarren“ die Provenienz nicht eindeutig geklärt werden, so dass sie von der Auktion zurückgezogen wurden.

Gemüsekarren – Hundekarren (1906), Öl auf Holz, parkettiert, 54,5 x 68,5 cm, bez. unten links: M. Liebermann, Abbildung in: Hampel-Katalog (Los 27), S. 54

Gemüsekarren – Hundekarren (1906), Öl auf Holz, parkettiert, 54,5 x 68,5 cm, bez. unten links: M. Liebermann, Abbildung in: Hampel-Katalog (Los 27), S. 54

Wie fängt man eine solche Aufgabe an? Eine erste Hilfestellung für die Provenienzforschung ist ein Werkverzeichnis, das glücklicherweise im Falle Liebermanns vorhanden ist. Im „Eberle-Werkverzeichnis“ finden wir die folgenden Einträge:
• Philip Freudenberg, Berlin (bis 1909)
• Paul Cassirer, Berlin (erworben am 25.10.1909, PC Nr. 1276, 1914)
• Galerie Thannhauser, München (erworben bei Paul Cassirer am 8.3.1917)
• Tilla Durieux, Berlin (1923)
• Neumeister, München (1980)
• Privatbesitz, Deutschland (Sammlung Hans-Georg Karg)

Tilla Durieux im Jahr 1905, fotografiert von Jacob Hilsdorf (Bildquelle; Wikimedia)

Kritisch ist hier der Übergang von Tilla Durieux auf Neumeister, die ich mir genauer anschauen würde. Aber der Reihe nach. Aus der Paul Cassirer-Provenienz kam es in den Münchner Kunsthandel, wo es 1923 von der österreichischen Schauspielerin Tilla Durieux erworben wurde. Tilla Durieux war die Ehefrau von Paul Cassirer von 1910 bis zu dessen Selbstmord im Jahr 1926. Kurz vor Cassirers Tod sollte eine Scheidung stattfinden. Im Zusammenhang mit der Trennung forderte er von seiner Frau sämtliche Bilder zurück, die sie ihm – laut ihrer Autobiografie – auch überließ. Nach Cassirers Tod, so schreibt die Witwe, konnte Durieux nur die eindeutig selbst gekauften Gegenstände aus der gemeinsamen Wohnung vor dem Zugriff der Verwandten Cassirers schützen, die ihr die Schuld an seinem Selbstmord gaben. Welche Werke konkret gemeint sind, geht aus Durieux’ Autobiografie nicht hervor. Auch bleibt unklar, warum Durieux ein Gemälde, dass sich ursprünglich im Besitz ihres Mannes befand, Jahre später von einem Münchner Kunsthändler erwarb, obwohl sie selbst, wie sie schreibt, doch mit dem Künstler alles andere als freundschaftliche Gefühle verbanden. Im Jahr 1930 heiratete Durieux Ludwig von Katzenellenbogen, der 1943 in NS-Haft starb. Katzenellenbogen hatte seinen Brauerei-Betrieb durch Spekulationen in den Bankrott getrieben, so dass im Jahre 1931 der gesamte Besitz des Ehepaares gepfändet wurde. Leider kann bei keinem dieser Besitzübergänge genaueres zu den einzelnen Kunstgegenständen rekonstruiert werden, so dass wir nicht wissen, wann das betreffende Gemälde zuletzt in Durieux’ Besitz war. 1933 verließ Durieux Deutschland und emigrierte nach Jugoslawien, kehrte aber in den 50er Jahren nach Deutschland zurück, wo sie in Berlin, Hamburg und Münster gastierte. Im Jahr 1971 verstarb Tilla Durieux. Wo sich das Gemälde bis 1980 befand ist unklar, auch zu dem aktuellen Eigentümer werden weder bei Eberle noch im Neumeister-Katalog von 1980 Angaben gemacht.

Das Gemälde Gemüsekarren wurde 1980 auf der 194. Neumeisterauktion versteigert (Los 1390). Der Katalog, der lediglich eine Aufzählung der Losnummern mit wenigen Angaben hierzu und separierten, vereinzelten Abbildungen versehen ist, enthält als Provenienzangabe nur den Vermerk ‚Ehem. Besitz von Tilla Durieux’, Berlin. Unklar bleibt zum einen, ob es zwischen 1923, als es letztmalig bei Durieux nachweisbar ist, und 1980 erneut einen Besitzwechsel gegeben hat oder ob das Bild bei Neumeister von den Erben der 1971 verstorbenen Durieux eingeliefert wurde. An diesem Beispiel ist ersichtlich, dass auch nicht-jüdische Sammler ‚problematisch’ werden können, wenn sie wie in diesem Fall aus anderen Gründen von den Nationalsozialisten verfolgt wurden.

Dieser kurze Abriss der Besitzübergänge eines Gemäldes verdeutlichtn die Problematik der Provenienzrecherche. Das Werkverzeichnis von Eberle diente hier als Grundlage für die Ermittlung der Vorbesitzer. Diese Unterlagen sind jedoch nur eine erste Orientierung, und könnten lückenhaft sein. So hat sich gezeigt, dass auch bei der Erstellung des Werkverzeichnisses Informationen nicht verarbeitet wurden, als beispielsweise bei dem Gemälde ‚Wäsche Trocknen – Bleiche‘ die Provenienzangabe ‚Privatbesitz Leipzig, 1931’ nicht weiter nachvollzogen, sondern die Unsicherheit dieser Angabe lediglich mit einem Fragezeichen gekennzeichnet wurde. Hier wäre deutlich in dem Ausstellungskatalog ‚Neuere Meister aus Leipziger Privatbesitz’ Moritz Ury als Eigentümer des Bildes in dieser Zeit auszumachen gewesen.

Weniger hilfreich war meine Korrespondenz mit den 2006 beteiligten Institutionen. Vom Kölner Art Loss Register-Büro waren viele Auskünfte (auch zu allgemeinen Themen der Provenienzforschung) zu erhalten, jedoch hat das ALR die Provenienzrecherche nach der Hampel-Auktion eingestellt, da der Auftrag von der Karg-Stiftung nicht weitergeführt wurde. Seitens des Münchner Auktionshauses Hampel konnte man meine Anfrage hinsichtlich der weiteren Verfahrensweise mit diesen unklaren Provenienzen aus Zeitgründen nicht beantworten. Die Karg-Stiftung als der Besitzer der Bilder hatte zwar weiterhin Interesse daran, alle Gemälde der Sammlung zu verkaufen, um das Geld dem Stiftungszweck zuführen zu können, jedoch sah sie sich außerstande, eine Provenienzrecherche selbst durchzuführen. Die Stiftung, die mir durch einen Anwalt geantwortet hatte, berief sich auf die Angaben des Werkverzeichnisses von Eberle, die sie als korrekt und vollständig erachtet. Hans-Georg Karg hat, so auch die Aussage der Stiftung, die Bilder bei seriösen Kunsthändlern und Auktionshäusern in den 80er und 90er Jahren erworben. Dies ist korrekt, jedoch bleibt immer die Vorgeschichte der Bilder zu berücksichtigen.

Dieses Kunstwerk ist damals nicht zur Versteigerung gekommen. Möglicherweise befindet es sich immer noch im Besitz der Karg-Stiftung.

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Ein Gedanke zu “Max Liebermann und der Karren – Ein Beispiel für Provenienzforschung

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