Max Liebermann „Holländische Dorfstrasse“: Ein weiteres Beispiel für Provenienzrecherche

Max Liebermann 1904; Fotograf: Jacob Hilsdorf (Bildquelle: Wikimedia)

In einem der letzten Beiträge habe ich exemplarisch die Provenienzrecherche anhand eines Gemäldes von Max Liebermann vorgenommen, das vor einigen Jahren zur Versteigerung kommen sollte, der Gemüsekarren aus dem Jahr 1906. Zusammen mit diesem Gemälde kamen damals mehrere Liebermann-Gemälde aus der Sammlung Karg zur Versteigerung, deren Provenienz zuvor vom Art Loss Register in Köln geprüft wurde. Die genaue Herkunft des Gemüsekarrens sowie drei weiterer Gemälde konnte damals nicht ausreichend geklärt werden, so dass sie nicht mit in den Auktionssaal konnten. Meine Ergebnisse der Provenienzrecherche der anderen drei Werke möchte ich hier nun ebenfalls vorstellen.

Der Gemüsekarren ist nicht das einzige Gemälde von Max Liebermann, das die heutige Provenienzforschung vor Herausforderungen stellt. Als jüdischer Künstler war sein Werk seit der Machtübernahme der Nationalsozialisten in öffentlichen Sammlungen nicht immer geduldet (wenngleich er nie zur „entarteten Kunst“ zählte). Viele seiner Kunstwerke wechselten zwischen 1933 und 1945 unter ungeklärten Umständen den Besitzer – von diesen Besitzübergängen zeugen noch heute Lücken in seinem Werkverzeichnis. Ähnlich verhält es sich auch auch bei der Holländischen Dorfstrasse aus der Sammlung Karg.

Die Rezeption des Gemäldes

Holländische Dorfstraße – Zandvoort (1890), Öl auf Pappe, 25 x 34 cm, bez. unten links: M. Lieberman (sic!) 90, Abbildung in: Hampel-Katalog (Los 14), S. 28

Holländische Dorfstraße – Zandvoort (1890), Öl auf Pappe, 25 x 34 cm, bez. unten links: M. Lieberman (sic!) 90, Abbildung in: Hampel-Katalog (Los 14), S. 28

In dem kleinen querformatigen Gemälde aus dem Jahr 1890 in Grau-Brauntönen öffnet sich der Blick in eine Sackgasse von kleineren Bauernhäusern. Vor dem Haus auf der rechten Seite, von dem lediglich die Vorderseite mit zwei Fenstern zu sehen ist, stehen zwei Mädchen unterschiedlichen Alters, die größere mit einem weißen Kleid und einer hellblauen Schürze bekleidet. An der Hand hält sie ein kleineres Kind mit dunklem Kleid und hellblondem Haar. Beide wirken gesichtslos durch die grobe Pinselführung und den pastosen Farbauftrag. Im Hintergrund erkennt man noch zwei weitere Figuren, die ebenfalls in bewegten Pinselstrichen ausgeführt sind, so wie sich die gesamte Studie durch einen heftigen Duktus auszeichnet. Bei diesem Werk treten – im Vergleich zu den früheren Motiven ähnlichen Themas – die genau gezeichneten Figuren hinter einer freieren Pinselführung zurück. Besonders deutlich wird das in den Gesichtern der beiden Kinder auf der rechten Seite, die nur noch als graue Farbflächen erscheinen.

Insgesamt sind 30 Bilder im Jahre 1890 entstanden, viele davon in Holland und überwiegend mit Motiven der Gegend. Als direkte Vergleiche nennt Eberle jedoch Bilder aus vergangenen Jahren, so eine Holländische Dorfstraße aus dem Jahr 1879 oder die Spielenden Kinder von 1882. Das Motiv der holländischen Dorfstraße (in unterschiedlichen Ausführungen) kommt häufig im Werk Liebermanns vor. Insgesamt listet das Werkverzeichnis 30 Dorfstraßen-Gemälde auf.

Ausgestellt war das Werk Holländische Dorfstraße häufig, angefangen bei der 1915 stattgefundenen Ausstellung „Werke deutscher Meister aus Privatbesitz“ der Galerie Gurlitt in Berlin. 1917 war es in Berlin anlässlich Liebermanns 70. Geburtstag zu besichtigen, 1929 zur 50. Jahresausstellung der Genossenschaft der bildenden Künstler in Wien, 1936 zu Liebermanns Gedächtnisausstellung ein Jahr nach seinem Tod in der Jüdischen Gemeinde, Berlin. Danach war es noch dreimal auf Verkaufsausstellungen zu sehen (1962 bei Helmut Tenner, Heidelberg, 1988 auf der Kunst- und Antiquitätenmesse Hannover und 1988 in der Villa Grisebach). Letztendlich war das Bild auf der Gedenkausstellung zum 150. Geburtstag Liebermanns 1997 in Berlin zu sehen sowie auf der im gleichen Jahr stattgefundenen Ausstellung „Der Realist und die Phantasie“ in Hamburg, Frankfurt und Leipzig.

Das Gemälde erschien vor der Erstellung des Werkverzeichnisses von Eberle auch schon in dem Werkkatalog von Hancke von 1914 und der zweiten Auflage von 1923. Ebenso fand es Eingang in den Katalog von Richardson. 1915 wurde es in einem Artikel von Julius Elias in „Kunst und Künstler“ publiziert. Im Zusammenhang mit dem Verkauf bei der Galerie Koch 1987 war es in der „Weltkunst“ abgebildet.

Auf der Hampel-Auktion lag der Schätzpreis dieses Bildes bei 48.000 €. 1962 auf der Tenner-Auktion wurde der Schätzpreis mit 9.000 DM angesetzt. Leider sind keine Ergebnislisten hierzu erhältlich. Der Verkauf des Gemäldes durch die Galerie Koch, Hannover, im Jahr 1987 war zwar in der Weltkunst angekündigt, jedoch ohne Hinweise auf einen Preis. Der bei Hampel festgesetzte Schätzpreis berücksichtigt die für Gemälde ähnlichen Inhalts erzielten Preise. Insgesamt hat das Werk mindestens siebenmal seinen Besitzer gewechselt.

Seine Provenienz

Zu diesem Gemälde machte der Hampel-Auktionskatalog die folgenden Provenienzangaben:
• Paul Cassirer, Berlin 1905 (PC NR. 208)
• Kapitänleutnant Kuthe, Berlin (erworben bei Paul Cassirer am 14.2.1905)
• Frau Margarethe Mauthner, Berlin (1914, 1915, 1917, 1923, 1929)
• Helmut Tenner, Heidelberg (1962)
• Galerie Koch, Hannover (1987)
• Villa Griesebach, Berlin (1988)
• Sammlung Hans-Georg Karg (seit 1988)

Wie bei vielen Werken Liebermanns findet sich auch hier der Kunsthändler Paul Cassirer unter den ersten Käufern des Werkes. Unsicher wird die Eigentumslage hier erst bei dem dritten Besitzer, genauer gesagt bei dem Übergang des Besitzes der jüdischen Schriftstellerin Margarethe Mauthner an Helmut Tenner im Jahre 1962. Letztmalig im Besitz von Frau Mauthner nachzuweisen ist das Gemälde im Jahr 1929. Im Jahre 1936 wurde dieses Bild auf der Gedächtnisausstellung für Max Liebermann im Berliner Jüdischen Museum gezeigt. Man vermutet, dass das Bild sich zu diesem Zeitpunkt noch im Besitz der Mauthners befunden hat. Zwei Jahre später emigrierte die Familie Mauthner nach Südafrika und konnte nur einen Teil der Kunstsammlung mitnehmen. Es ist leider nicht bekannt, ob die Holländische Dorfstraße dazu gehörte. Der Name Margarethe Mauthner ist in letzter Zeit in die Öffentlichkeit gelangt, da die Erben aktuell ein Gemälde von Van Gogh von einer prominenten US-Schauspielerin zurückfordern, da dieses unrechtmäßig erstanden sei. Zur Versteigerung kam die Holländische Dorfstraße 1962 auf der 34. Auktion des Buch- und Kunstantiquariats Tenner. Dort wird als Vorbesitzer ein Prof. Dr. Mauthner angegeben. Da das Auktionshaus nicht mehr existiert, war leider nicht zu ermitteln, ob es sich dabei um einen Verwandten (Ehemann, Sohn) und damit Erben von Frau Margarethe Mauthner handelt. Geht man jedoch aufgrund der Namensgleichheit davon aus, dass Prof. Dr. Mauthner der Erbe von Margarethe Mauthner ist, so ist zu vermuten, dass dieses Gemälde auch während der NS-Zeit im Besitz der Familie verblieben war. Somit wäre der Verkauf im Jahre 1962 hinsichtlich der Eigentumsübertragung unproblematisch und damit die Provenienzlücke geschlossen. Unklar muss jedoch bleiben, warum dieses Gemälde noch als Suchmeldung in der Lost Art Internet Database gelistet ist.

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