Wäsche trocknen – Bleiche: Max Liebermann und die Sammlung Karg

Das dritte Bild aus der Sammlung Karg, das damals aufgrund der unsicheren Provenienz nicht zur Versteigerung kommen konnte, ist die Losnummer 16 „Wäschetrocknen-Bleiche“. Wie ist es hier um die Herkunftsgeschichte bestellt?

Die Rezeption des Gemäldes

Diese querformatige Studie aus dem Jahr 1890 zeigt eine Szene des alltäglichen Lebens, das Wäschetrocknen im Freien. Dominiert wird das Bild von der grünen Rasenfläche, auf der mittig weiße Wäschestücke zum Bleichen ausgelegt sind. Auf der rechten Bildseite sehen wir eine mit dunklem Kleid und Schürze bekleidete stehende Frau, die ihre Arme hebt, um rosa- und fliederfarbene Wäschestücke auf eine Leine zu hängen, die an den Bäumen befestigt zu sein scheint. Kräftiger Wind lässt die Wäsche auf der Leine nach links wehen und bauscht die Schürze der Frau auf. Ein dünner Baumstamm bildet in der Mitte des Bildes eine braune Diagonale, weitere Bäume sind im Hintergrund links und rechts zu erkennen.

Wäsche Trocknen – Bleiche (1890), Öl auf Holz, 26,5 x 37,5 cm, bez. unten  links M. Liebermann, Abbildung in: Hampel-Katalog (Los 16), S. 32

Wäsche Trocknen – Bleiche (1890), Öl auf Holz, 26,5 x 37,5 cm, bez. unten links M. Liebermann, Abbildung in: Hampel-Katalog (Los 16), S. 32

Im gleichen Jahr sind ähnliche Studien entstanden, wie beispielsweise das verschollene Altmännerhaus in Zandvoort sowie die Holländische Dorfecke – Dorfecke mit Wäscherin. Das Altmännerhaus in Zandvoort enthält ebenfalls die Wäsche aufhängende Frau als Hintergrundmotiv. Auch hier steht eine Frau mit dem Rücken zum Betrachter am rechten Ende der Wäscheleine und hat die Arme über dem Kopf erhoben, im Begriff Wäsche aufzuhängen, die stark im Wind flattert. Die gleiche Position nimmt auch die Frau in der Holländischen Dorfecke – Dorfecke mit Wäscherin ein, die dasselbe Motiv hinter Gatterzäunen zeigt. Aus ähnlicher Perspektive wie beim Altmännerhaus sehen wir auf die Wäsche aufhängende Frau in Rückenansicht in der rechten Bildhälfte. Sie ist in den Bildhintergrund gerückt, den Vordergrund bilden die breiten Holzplanken des Gartenzauns, hinter der Frau befinden sich Häuser. In allen drei Bildern, die noch dazu im gleichen Jahr entstanden sind, ist die Hauptperson in der gleichen Haltung dargestellt, so dass der Eindruck entsteht, Liebermann habe immer die gleiche Person als Modell gehabt und in verschiedene Bilder eingefügt.

‚Bleichen’ zählen zu beliebten Themen in Liebermanns Werk. Allein im Jahr 1890 beschäftigen sich sieben Bilder mit dem Motiv der Bleiche oder der Wäsche aufhängenden Frau. Die bekannteste Variation des Themas dürfte die 1883 entstandene Große Bleiche, heute im Kölner Wallraf-Richartz-Museum, sein.

Die große Bleiche – Rasenbleiche (1883), Öl auf Leinwand, 109 x 173 cm, bez. unten rechts: M. Liebermañ 82, Wallraf-Richartz-Museum, Köln

Dieses großformatige Bild zeigt zwei Frauen auf einer großen, mit Bäumen bestandenen Wiese, die ihre Tücher zum Bleichen auslegen. Im Vordergrund sehen wir den Waschzuber, am hinteren rechten Bildrand das Bauernhaus. Im Vergleich mit der Karg-Abbildung fehlen hier die Wäscheleine und die Frau, die diese bestückt. Auch fehlt auf dieser Bleiche der Wind, der die Wäsche aufbauscht. Hier dominieren die weißen Wäschestücke, die von Frauen in darüber geneigter Haltung ausgelegt werden. Vergleicht man dieses frühe Werk mit den drei Bleichen von 1890, sieht man auch bei diesem Sujet deutlich den Wandel von der detailreichen, realistischen Malweise zu der freieren Pinselführung der späteren Jahre.

Da es sich bei dem Werk Wäsche Trocknen – Bleiche um eine Studie handelt, war es in keinem der zeitgenössischen Werkverzeichnisse Liebermanns vertreten und wird erstmals im Werkverzeichnis von Eberle aufgeführt. Dreimal war es auf Ausstellungen zu sehen. Die erste war im Jahr 1931 in Leipzig, als das Werk auf der Ausstellung ‚Neuere Meister aus Leipziger Privatbesitz’ gezeigt wurde, wobei hier mangels einer Abbildung nur anhand der ungefähren Übereinstimmung der Maße vermutet wird, dass es sich um das gleiche Gemälde handelt. Danach war es zweimal in der Weltkunst besprochen und auch abgebildet, beide Male im Zusammenhang mit einem anstehenden Verkauf. In Verkaufszusammenhang stehen auch die zwei anderen Ausstellungen, auf denen das Bild gezeigt wurde. 1981 war die Bleiche in der Galerie Koch zu sehen, 1990 auf der Westdeutschen Kunstmesse Düsseldorf.

Der Schätzpreis dieses Bildes auf der Hampel-Auktion lag mit 225.000 € sehr hoch für eine relativ kleine Studie. Leider sind weder 1981 noch 1990 von der Galerie Koch bzw. der Galerie Norbert Blaeser Preise veröffentlicht worden. Auch konnte nicht ermittelt werden, für welchen Preis das Gemälde in den Besitz von Hans-Georg Karg gelangte. Sechsmal hat das Gemälde bis zur Sammlung von Hans-Georg Karg seinen Besitzer gewechselt. Weitere Besitzwechsel können jedoch stattgefunden haben, die nicht in der Provenienzliste enthalten sind. Nicht alle Verkäufe bzw. die erzielten Preise sind in der Literatur nachzuvollziehen.

Seine Provenienz

Zu seiner Herkunftsgeschickte sind folgende Provenienzangaben dem Auktionskatalog zu entnehmen:
• Paul Cassirer, Berlin (PC Nr. 722 ?)
• Kapitänleutnant Kuthe, Berlin (1905, 1914) ?
• Privatbesitz Leipzig (1931) ?
• Galerie Koch, Hannover (1981)
• Galerie Norbert Blaeser, Düsseldorf (1990)
• Sammlung Hans-Georg Karg

Dieses Gemälde liefert die schwierigste Provenienzprüfung. Auch hier beginnt die Provenienzliste mit dem Kunsthändler Paul Cassirer. Nach der Herkunftsangabe des Kapitänleutnant Kuthe bis zum Jahr 1914 folgt die nicht näher bezeichnete Angabe ‚Privatbesitz’ aus dem Jahr 1931. Hier ist auf den ersten Blick nicht ersichtlich, ob es sich um eine jüdische oder anderweitig kritische Provenienz handelt, die weitere Nachforschungen erfordert.

Der Verkauf in der Galerie Koch 1981 war begleitet von einem von Hans-Jürgen Imiela herausgegebenen Ausstellungskatalog, der die ausgestellten Werke (neben Max Liebermann auch Werke von Lovis Corinth, Max Slevogt, Lesser Ury und anderen) beschreibt und abbildet. Leider finden sich in diesem Katalog keine Angaben zur Provenienz des Bildes (weder bei diesem Bild noch bei den anderen). Der Katalog der Ausstellung ‚Neuere Meister aus Leipziger Privatbesitz’ aus dem Jahre 1931 enthält jedoch Provenienzangaben, die von Eberle scheinbar nicht ausgewertet wurden. Das Gemälde mit der Nummer 68, die Bleiche, führt als Besitzer Moritz Ury an, der auch noch ein weiteres Liebermann-Gemälde, einen Wannseegarten, in die Ausstellung gab.

Der Kaufmann Moritz Ury (1872-1939), ein Cousin des Impressionisten Lesser Ury und der Schriftstellerin Else Ury,  hatte gemeinsam mit seinem Bruder Julius das erste Leipziger Warenhaus gegründet. Er war gemeinsam mit seiner Frau im Oktober 1937 in die Schweiz emigriert, wo er im Jahre 1939 an einer schweren Krankheit verstarb. Sein Bruder Julius starb bei dem Fluchtversuch in die Schweiz im Jahre 1940. Das Dresdner Warenhaus am Königsplatz 15 wurde arisiert und bis 1941 zu einem Reichsmessetextilhaus umgestaltet. Ob Ury seine Kunstsammlung bei der Emigration hat mitnehmen können, ist unbekannt. Verglichen mit ähnlichen Fällen ist dies aber eher unwahrscheinlich, so dass hier zu vermuten ist, dass er auch dieses Kunstwerk zur Finanzierung der Emigration bzw. unter Druck verkaufen musste. Im Jahre 2006 hat sich der Kunstfahnder Willi Korte dieses Falles angenommen: er vertritt die Enkel von Moritz und Selma Ury, die dieses Bild zurückfordern, da es von den Nazis enteignet und (vermutlich 1941) zwangsversteigert wurde, ohne dass Moritz Ury hierfür entschädigt wurde (vgl. art magazin). Danach ließ das Medieninteresse an diesem Fall nach, der Ausgang dieses Streitfalls wurde nicht mehr veröffentlicht.

Die unklare Herkunftsangabe ‚Privatbesitz Leipzig’ konnte also geklärt werden. Wo war jedoch das Bild bis zu seinem Verkauf 1981 in der Galerie Koch? Wer hat es bei der Versteigerung 1941 erworben? Heute findet sich dieses Gemälde als Suchmeldung Urys, vertreten durch das Holocaust Claims Processing Office (HCPO), in der Internet-Datenbank „Lost Art“. Ergänzend zu den bereits bekannten Provenienzangaben findet sich dort noch der Hinweis, dass es im Juli 1941 im Auftrag der Gestapo durch das Finanzamt Moabit-West, Berlin versteigert wurde. Zwischen dem 19. bis 23. August 1941 gab Weiterverkauf durch Alfred Berkhan, Berlin (Spichernstr. 3) im Auftrag des Finanzamts Moabit-West mit ungenanntem Käufer, bis es 1981 wieder in Hannover auftauchte. Hier scheint es Rückforderungsverhandlungen zu geben, so dass es eine gute Entscheidung war, dieses Gemälde bei der Versteigerung nicht aufzurufen. So können sich die Karg-Erben mit den Erben Urys einigen. Ich bin gespannt, ob dieses Verhandlungsergebnis in irgendeiner Weise publiziert wird.

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