Last but not least: Das „Wirtshaus in Overveen“ von Max Liebermann

Wirtshaus in Overveen (1895), Öl auf Leinwand, 69 x 88 cm, bez. unten links: M. Liebermann, Abbildung in: Hampel-Katalog (Los 18), S. 36

Wirtshaus in Overveen (1895)

Das vierte Gemälde aus der Sammlung Karg, das 2005 von der Auktion zurückgezogen werden musste, trägt die Losnummer 18 und den Titel „Wirtshaus in Overveen„. Auch bei diesem Gemälde konnte die Provenienz bis Auktionsbeginn nicht eindeutig geklärt werden. Die Sammlung Karg ist allerdings nicht nur wegen der Liebermann-Gemälde mit einem kritischen Auge zu betrachten.  Hans-Georg Karg war der Erbe des Hertie-Warenhausunternehmens, das er im Jahre 1972 von seinem Vater Georg Karg übernommen hatte. Dieser wiederum hatte das Kaufhaus des jüdischen Händlers Hermann Tietz (aus dessen Anfangsbuchstaben sich der spätere Geschäftsname ableitete) 1933 im Zuge der Arisierung des Betriebs zunächst als Geschäftsführer übernommen. 1939/40 kaufte er dann das Warenhaus.

Hans-Georg Karg, der sich als Kunstsammler und auch als Begründer einer Hochbegabtenstiftung betätigte, starb im Jahr 2003, seine Ehefrau Adelheid im Jahr 2004. Der Erbe des Besitzes war die Karg-Stiftung, die nun die Kunstsammlung veräußerte, um den Erlös dem Stiftungszweck der Hochbegabtenförderung zukommen lassen zu können. Die Karg-Sammlung umfasste 35 Gemälde, 17 Zeichnungen, 37 Lose Druckgrafik sowie Briefe und Bücher von und über Max Liebermann. Die Schätzpreise lagen für einzelne Lose sehr hoch, für die 35 Gemälde wurde insgesamt ein Schätzpreis von 4.949.000 € veranschlagt.

Die Rezeption des Gemäldes

Bei diesem Werk aus dem Jahr 1895 handelt es sich um ein querformatiges Gemälde, das ein Exterieur beschreibt. Unter großen Bäumen sitzen gut gekleidete Personen an Tischen, teilweise durch die dicken Baumstämme verdeckt. Am rechten Bildrand erkennt man das weiße Wirtshaus mit grünen Fensterläden und einem roten Dach. Am linken Bildrand kommen weitere Personen auf die Sitzenden zu. Durch das Laub der Blätter fallen nur vereinzelte Sonnenstrahlen, die Lichtreflexe auf den Boden und auf einzelne Details werfen, sonst ist das Bild in einem schattigen Dunkelgrün gehalten. Die obere Bildhälfte wird komplett von den grünen Baumkronen eingenommen, lediglich auf der rechten Bildseite blitzt das rote Dach hervor. Die Figurenstaffage ist in groben Pinselstrichen gemalt, man erkennt Damen in ihren langen Kleidern und mit Hüten bekleidet, die Herren in dunklen Anzügen. Unkenntlich bleiben jedoch die Gesichter, einzelne Details von Kleidung, Geschirr oder ähnlichem bleiben verschwommen. Das gesamte Gemälde ist von einer gedämpften Tonigkeit, bei der die Lichtreflexe am deutlichsten hervortreten. Das Werkverzeichnis von Eberle bietet neben den technischen Angaben und Hinweisen zu Provenienz und Ausstellungen kaum Informationen zu diesem Gemälde, außer, dass es zeitgleich mit einer Allee in Overveen entstanden ist.

Wirtshaus in Overveen (1895), Öl auf Leinwand, 69 x 88 cm, bez. unten links: M. Liebermann, Abbildung in: Hampel-Katalog (Los 18), S. 36

Wirtshaus in Overveen (1895), Öl auf Leinwand, 69 x 88 cm, bez. unten links: M. Liebermann, Abbildung in: Hampel-Katalog (Los 18), S. 36

Auch das Wirthaus-Motiv ist kein neues für Liebermann. Auf der Hampel-Auktion selbst kam noch ein ähnliches Gemälde zur Versteigerung, der aus dem Jahr 1879 stammende Biergarten in Etzenhausen, eine Studie, die bei Hampel unverkauft blieb. Vor dem hier besprochenen Wirtshaus in Overveen malte Liebermann 1884 bereits den Münchner Biergarten – Garten des Augustinerkellers in München, eines der bekanntesten Versionen und die erste bedeutende Arbeit zum Thema Gartenlokal. Anlässlich der Erwerbung des Gemäldes von der Bayerischen Staatsgemäldesammlung 1986 wurde ihm eine eigene Ausstellung gewidmet, die auch in einem Ausstellungskatalog publiziert wurde. Auf dem Münchner Biergarten ist der Bildausschnitt so gewählt, dass der Betrachter dichter ans Geschehen herangerückt scheint, als dies beim Wirthaus in Overveen der Fall ist, wo die Szene aus der Ferne zu betrachten ist. Christian Lenz hebt unter anderem die Detailmalerei hervor, wie sie an den porträthaften Gesichtern deutlich wird. Als Vorbilder für das Wirtshausmotiv nennt er zum einen Adolph Menzel, dem sich Liebermann in der Malweise verbunden fühlte, sowie Edouard Manet. Von beiden Künstlern existieren Gemälde mit ähnlichen Motiven, die Liebermann gekannt hat. So malte Menzel 1867 Ein Nachmittag im Tuileriengarten, das wie der Münchner Biergarten Liebermanns in starker Erzählfreude eine Vielzahl von Personen, wenn auch aus der Distanz, zeigt. Wenige Jahre zuvor, 1862, entstand Manets Musik in den Tuilerien, das ein ähnliches Motiv – viele Figuren in einem Garten – diesmal jedoch aus der Nähe zeigt.

Wirtshausmotive bleiben beliebte Themen im Schaffen Liebermanns. In zwei Fassungen entstand im Jahr 1893 der Biergarten in Brannenburg. Auch nach 1890 sind noch zahlreiche Biergarten- und Wirtshausmotive entstanden, in Laren und Leyden, an der Elbe und an der Havel, teilweise in mehrfacher Ausführung und verschiedenen Versionen. So gibt es drei Gemälde, die das Gartenrestaurant De oude Vinck in Leyden zeigen.

Bereits 1907 war das Gemälde als Kaffeegarten in Overveen im Frankfurter Kunstverein ausgestellt, drei Jahre später war es in der Großen Kunstausstellung in der Kunsthalle Bremen zu sehen. 1922 konnte man das Bild auf der Ausstellung ‚Nyare Tysk Konst’ in Liljevalchs Konsthall in Stockholm sehen. Als Wirtshaus in Overveen war es neben der Verkaufsausstellung bei Ketterer (1953) auch auf zahlreichen weiteren Ausstellungen zu besichtigen. In den fünfziger Jahren war es dann noch auf der Liebermann-Ausstellung der Landesgalerie Hannover (1954) sowie in der Wolfsburger Ausstellung ‚Deutsche Malerei seit Caspar David Friedrich’ von 1956 ausgestellt.

Auch das Wirtshaus in Overveen tauchte vor dem Eberle-Werkverzeichnis bereits in den Publikationen von Pauli, Scheffler, Hancke (1914 und 1923) sowie bei Richardson auf. Weitere Besprechungen, teilweise mit Abbildung, erhielt das Werk in Artikeln von Pauli (in ‚Kunst für alle’ und ‚Zeitschrift für bildende Kunst’) sowie in der Weltkunst von 1953.

Das Wirtshaus in Overveen war in der Hampel-Auktion mit einem Schätzpreis von 650.000 € das am höchsten bewertete Gemälde. Dies verwundert insbesondere, wenn man betrachtet, dass es bei der letzten Auktion, auf der es aufgerufen wurde (1953 beim Stuttgarter Kunstkabinett) auf nur 7.000 DM geschätzt wurde. Leider sind die Verkaufspreise der Besitzwechsel nach 1953 bis zu Hans-Georg Karg nicht bekannt. Die Biergartenmotive Liebermanns wurden in den letzten Jahren recht unterschiedlich gehandelt: So blieb die zweite Version des Biergarten in Brannenburg aus dem Jahr 1893 bei Lempertz im Jahr 2001 mit einem Schätzpreis von 500.000-600.000 DM unverkauft, ein kleinerer Biergarten (37,5 x 45,6 cm) von 1900 wurde im Jahre 2000 in der Villa Grisebach für 437.000 DM verkauft. Als interessanter Vergleichspreis kann hier der Verkaufspreis für das schon erwähnte Gemälde Münchner Biergarten gelten, das 1986 im deutschen Kunsthandel für den Rekordpreis von 1,85 Mio. DM verkauft wurde. Dieser Preis hat sicherlich bei Hampel als Referenzpreis für das Wirtshaus in Overveen gedient.

Die Provenienz

Wie ist es bei diesem Bild um die Herkunft bestellt? Die folgenden Provenienzangaben finden sich im Auktionskatalog:
• M. Flersheim, Frankfurt a.M. (1907, 1910, 1911, 1914, 1922 – New York)
• Stuttgart Kunstkabinett Ketterer (1953)
• Frau Nordhoff, Wolfsburg (1953)
• Dr. Heinz Nordhoff, Wolfsburg (1954)
• Norbert Nusser, München (1991 in London erworben)
• Sammlung Hans-Georg Karg (seit 1992)

Der kritische und damit zu überprüfende Punkt in diesen Provenienzangaben ist der Besitzübergang auf das Stuttgarter Kunstkabinett Ketterer. Zuvor war das Wirtshaus zuletzt nachweisbar im Besitz von Martin Flersheim, Frankfurt, ein Bruder jenes Frankfurter Elfenbeinhändlers Ernst Flersheim, welcher 1937 gezwungen war, seine Kunstsammlung zu verkaufen, um nach Amsterdam zu emigrieren. Martin Flersheim war ein bedeutender Kunstsammler und Mäzen in Frankfurt sowie Mitglied des Städelschen Museumsvereins in Frankfurt. Er starb 1935, bevor die Nationalsozialisten weitere Repressalien gegen ihn ausüben konnten. Seine Witwe Florence, die die amerikanische Staatsangehörigkeit besaß, emigrierte über Holland in die Vereinigten Staaten. Nach 1945 forderte sie von der Stadt Frankfurt die Restitution von Kunstwerken, die sie vor der Emigration verkaufen musste. Der Schriftwechsel, den der beauftragte Rechtsanwalt Dr. Fritz Mertens mit der Stadt und den zuständigen Ämtern über mehrere Jahre führte, ist im Institut für Stadtgeschichte Frankfurt archiviert und liefert die folgenden Informationen zur Sammlung: Einen Teil der Kunstsammlung verkaufte Frau Florence Flersheim über Dr. Mertens 1938 an die Städtische Galerie – nach eigenen Angaben unter Wert und ohne die Möglichkeit, über dieses Geld zu verfügen – um die fällige Reichsfluchtsteuer zu bezahlen. Weitere Teile der Flersheimerschen Sammlung kamen nach Holland, wo sie nach dem Einmarsch deutscher Truppen konfisziert wurden. Florence Flersheim starb 1950, vermutlich in den USA.

Eine Aufstellung der kompletten Sammlung ist in den Kriegswirren zerstört worden, so dass die Sammlung im Ganzen nicht mehr rekonstruiert werden kann. Es befindet sich lediglich eine Kopie einer Bestandsliste etwa aus dem Jahr 1910 im Bestand der Berliner Kunstbibliothek, aus der hervorgeht, dass der Wirtsgarten Overveen bei Haarlem im Jahre 1896 vom Künstler direkt erworben wurde. Zu diesem Zeitpunkt befanden sich 68 Gemälde im Besitz von Martin und Florence Flersheim, darunter neben vielen Frankfurter Künstlern auch noch zwei weitere Liebermann-Gemälde, eine Zimmermannwerkstatt von 1879 sowie eine Darstellung von Badenden Jungen, datiert 1898. Beide Bilder lassen sich anhand des Werkverzeichnisses nicht identifizieren, d.h. sie sind wahrscheinlich verschollen und aus diesem Grund nicht in das Werkverzeichnis aufgenommen worden. Im Zusammenhang mit oben genannten Verkäufen an die Stadt Frankfurt respektive an die Städtische Galerie werden die Gemälde Liebermanns nicht erwähnt, so dass zu vermuten ist, dass das Gemälde Wirtshaus in Overveen nicht in Frankfurt verkauft wurde, sondern auf anderem Wege aus dem Besitz der Flersheim kam.

Auf der in der Provenienzangabe der Hampel-Versteigerung genannten Auktion des Stuttgarter Kunstkabinetts 1953 wurden 15 Lose von Max Liebermann aufgerufen, davon zwei Gemälde. Neben dem Wirtshaus in Overveen wurde eine Version des Kirchgangs in Laren aus dem Jahre 1882 verkauft. Das Wirtshaus kann – trotz abweichender Datumsangabe 1894 – anhand der in etwa gleichen Maße und der Abbildung als übereinstimmend mit dem aus der Karg-Sammlung angesehen werden. Beide Bilder enthalten keine Provenienzangaben, so dass an dieser Stelle erneut die Suche im Sand verläuft. Es ist denkbar, dass es hier einen weiteren Besitzer gab, der das Gemälde von der Familie Flersheim erworben hatte bzw. es nach deren Emigration und der Konfiszierung der Sammlung erhielt. Unklar bliebe auch bei dieser Alternative der genaue Eigentumsübergang.

Noch heute finden sich zahlreiche Kunstgegenstände aus der Sammlung Flersheim in der Datenbank „Lost Art Database“. Die Erben scheinen hier sehr intensiv nach ihren Kunstwerken zu suchen. Das Liebermann-Gemälde aus der Karg-Sammlung ist dort jedoch nicht verzeichnet, gehört also nicht zu den von den Flersheim-Erben gesuchten Gegenständen.

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Ein Gedanke zu “Last but not least: Das „Wirtshaus in Overveen“ von Max Liebermann

  1. Pingback: Martin Flersheim – Jüdischer Sammler und Mäzen aus Frankfurt | Tanja Bernsau

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