Geraubt, verkauft, verschleppt – Der Genter Altar als Spielball der Politik

Genter Altar, Mitteltafel; Bildquelle: Wikipedia

Eine große Ruhe geht von dem Flügelaltar der Gebrüder van Eyck aus, wenn man ihm heute in der Genter St. Bavo-Kathedrale gegenübersteht. Nichts verrät seine bewegte Geschichte. Raub, Verkauf, Sicherstellung – mehrmals hat dieses Kunstwerk aus Belgien seine Reise durch halb Europa angetreten. Nicht immer zum Gefallen aller Beteiligten.

Genter Altar im geöffneten Zustand (Festtagsseite); Bildquelle: Wikipedia

Das auf das Jahr 1433 zu datierende Werk der Gebrüder Jan und Hubert van Eyck, ein Flügelaltar mit mehreren Tafeln, wurde im Auftrag eines Genter Patriziers geschaffen und stand zunächst in der St. Bavo-Kirche. Vor allem in Kriegszeiten war dieses Kunstwerke jedoch Spielball der politischen Mächte. Zum ersten Mal kamen die Tafeln in Bewegung während der französischen Revolution. Die Mitteltafeln mit der Deesis und der „Anbetung des Lammes“ wurden im Zuge der Eroberung Flanderns durch Napoleon nach Paris gebracht, mussten aber nach der Schlacht bei Waterloo an Belgien zurückgegeben werden.

Der Genter Altar mit geschlossenen Flügeln; Bildquelle: Wikipedia

Die Seitentafeln mit der Adam und Eva-Darstellung in der Innenseite und der Verkündigungsszene auf der Außenseite waren in der Zwischenzeit – ganz legal – an den englischen Kaufmann Edward Solly verkauft worden. Dieser verkaufte die Tafeln im Jahre 1821 an den Preußenkönig Friedrich Wilhelm der III. So kam zumindest ein Teil des Genter Altars nach Deutschland und wurde in Berlin (u.a. im Kaiser-Friedrich-Museum) prominent ausgestellt.

Bereits 1918 musste der Genter Altar Deutschland jedoch wieder verlassen: Im Rahmen des Versailler Vertrags wurde Deutschland auferlegt, das Kunstwerk an Belgien zurückzugeben, auch wenn es rechtmäßig erworben wurde (und nicht während des Krieges geraubt). So konnte der Genter Altar wieder in seiner Gesamtheit ausgestellt werden.

1934 wurden die Tafeln mit Johannes dem Täufer (Außenseite) und den Gerechten Richtern (Innenseite) gestohlen. Da für letztere das geforderte Lösegeld nicht gestellt werden konnte, wurde es nicht zurückgegeben. Diese Tafel gilt bis heute als verschollen. Ausgestellt ist aktuell eine Kopie aus dem Jahre 1945.

Für die Nationalsozialisten stellte der Genter Altar ein urdeutsches Kunstwerk dar, das dem Deutschen Reich gehörte. Da ihnen der „Schandvertrag von Versaille“ ohnehin ein Dorn im Auge war, nimmt es nicht wunder, dass sie nach der Machtübernahme versuchten, dieses Kunstwerk wieder zurück nach Deutschland zu bringen. Es dauerte aber noch bis in die 1940er Jahre, bis deutsche Kunstbeauftragte dieses Kunstwerk an sich nehmen konnten.

Zuvor wurde es von belgischen Kunstverantwortlichen ins südfranzösische Pau ausgelagert, um es vor Bombenschäden in Belgien zu schützen. Bereits im Juli 1942 erhielt der NS-Kunsthändler Ernst Buchner denBefehl vom Ministerialrat Hanssen, nach Pau zu fahren und die Altartafeln nach Deutschland zu bringen. Offiziell – so erinnert sich Buchner in seinem Verhör durch die Allierten nach Kriegsende – war von einer dauerhaften Verbringung in deutschen Besitz nicht die Rede, die Tafeln sollten lediglich aus der Gefahrenzone gebracht werden. Buchner machte sich also am 24. Juli 1942 zusammen mit Experten für Restauration und Kunsttransport zur Mission „Sicherstellung Genter Altar“ auf den Weg in den bis dahin unbesetzten Teil Frankreichs. Er erreichte Pau zusammen mit dem vorgerückten Frontverlauf am 29. Juli. Vor Ort wurden die Tafeln genau untersucht, sorgfältig verpackt und nach Neuschwanstein verbracht, wo bereits andere Kunstwerke lagerten, die von den Nationalsozialisten „sichergestellt“ wurden. Als der Krieg immer näher kam, brachten man sie zusammen mit vielen anderen Kunstwerk ins Salzbergwerk Altaussee.

Lt. Daniel J. Kern und Karl Sieber untersuchen den Genter Altar in der Altaussee Salzmine, 1945; Bildquelle: Archives of American Art

Unterirdisch gelagert überstand der Genter Altar das Kriegsende, bis er im Frühsommer 1945 von den Soldaten der Monuments, Fine Arts & Archives Section, den „Monuments Men“, aufgefunden wurden.

Von dort aus konnte er wieder nach Belgien an seinen ursprünglichen Aufstellungsort zurückgegeben werden, wo er auch heute noch zu sehen ist.

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2 Gedanken zu “Geraubt, verkauft, verschleppt – Der Genter Altar als Spielball der Politik

  1. Pingback: Welche Bedeutung hatten die “Monuments Men” wirklich? | Tanja Bernsau

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