„Ich bin doch nur ein Maler“ – Max Liebermann und das Judentum

„Ick kann janich so viel fressen, wie ick kotzen möchte!“

(Max Liebermann beim Betrachten des Fackelzugs zu Adolf Hitlers Machtübernahme am 30. Januar 1933, in: Bernd Küster: Max Liebermann – ein Malerleben. Hamburg: Ellert & Richter 1988, S. 216)

Selbstportrait, Max Liebermann 1925; Bildquelle: Wikipedia

Als die Nationalsozialisten in Deutschland an die Macht kommen, ist Max Liebermann 85 Jahre alt. Liebermann glaubte an die Assimilation, an die Anpassung seiner ethnischen Gruppe an die vorherrschende Kultur, dass es möglich sei, Deutscher zu sein und gleichzeitig dem Judentum als Konfession anzugehören. Er glaubte an ein Nebeneinander der ‚Rassen’ und dass man seine Religion nicht aufgeben muss, um sich als Deutscher zu verstehen. Zeit seines Lebens verstand er sich als Deutscher und Preuße mit jüdischer Religion, am besten, so Gay [1], trifft vielleicht die Bezeichnung ‚Berliner’ auf ihn zu. Und so ist es vielleicht konsequent, dass die Nationalsozialisten ihn nicht wegen seiner Malweise ablehnten – er galt nicht als entartet -, sondern stets nur aufgrund seines jüdischen Glaubens. Nach langen erfolgreichen Jahren als Maler und im Kulturleben seiner Zeit etabliert, musste der jüdische Künstler die von ihm verhassten Nazis nicht mehr lange ertragen – 1935 stirbt er zurückgezogen in seiner Wohnung am Brandenburger Tor.

Selbstbildnis mit Küchenstillleben 1873; Bildquelle: Kunstmuseum Gelsenkirchen; Foto Restaurierungsatelier Zeche Lothringen

Liebermann geht mit seinem Judentum bewusst um, wenngleich wenig über die Ausübung seiner Religiosität bekannt ist. Als frühes Beispiel eines Werkes, das Hinweise auf sein Judentum enthält, gilt das Selbstbildnis mit Küchenstillleben. Es zeigt Liebermann als Koch hinter einem Tisch mit verschiedenen Gemüsen, einem toten Huhn und Küchenutensilien. An dem Huhn ist ein Zettel mit einer roten Marke befestigt, dem Zeichen für eine koschere Schlachtung. Bereits 1917 wurde in der ‚Allgemeinen Zeitung des Judentums’ darauf aufmerksam gemacht, dass man diese Darstellung „vielleicht auch als liebenswürdige Gefälligkeit gegenüber den im Hause geübten Gebräuchen bezeichnen könnte“[2]. Dieses Bild ist jedoch als Geschenk unter Verwandten gedacht und nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Es zeigt somit keine öffentlich gemachte Zurschaustellung seines jüdischen Glaubens.

Seine Einstellung zu seiner Religion äußert sich jedoch in einem Aufsatz Liebermanns im ‚Jüdischen Magazin’ aus dem Jahre 1929: „Was meine Stellung zum Judentum betrifft, so bin ich dem Glauben, in dem ich geboren und erzogen wurde, stets treu geblieben.“[3] Dennoch nimmt sich Liebermann in seiner Kunst überaus selten religiösen Themen an.

Eines der wenigen Bilder religiösen Inhalts ist der Zwölfjährige Jesus im Tempel  aus dem Jahr 1879:

Der zwölfjährige Jesus im Tempel, 1879; Bildquelle: Wikipedia

Es zeigt den Jesusknaben im Innenraum einer Synagoge beim Disput mit den Schriftgelehrten. Es ist ein knapper Bildausschnitt gewählt, in dessen Zentrum der gestikulierende Jesus im hellen Gewand nach rechts gewandt mit ihn umgebenden jüdischen Gelehrten in einem Halbkreis steht, welche ihm „erstaunt, beeindruckt, skeptisch, nachdenklich oder in heftiger Gegenrede zuhören“[4]. Dieses Bild, das auf der Akademieausstellung 1879 in München gezeigt wird, löste einen Skandal aus, der sich bis auf den bayerischen Landtag ausdehnt. Liebermann habe es gewagt, Jesus in einer selbstbewussten Pose als hässlichen kleinen Judenjungen darzustellen. Der Kunstkritiker Friedrich Pecht, Herausgeber der Zeitschrift ‚Kunst für Alle’, betitelte den Jesusknaben als „den hässlichsten, naseweisesten Judenjungen, den man sich denken kann“ und die umgebenden Schriftgelehrten als „ein Pack der schmierigsten Schacherjuden“.[5] Auch in der französischen Besprechung der Münchner Ausstellung wurde das Bild negativ hervorgehoben. So schrieb Edmond Duranty:

„Der Jesus ist ein sehr hässlicher Junge, der mit den Händen redet. Dieser absichtlich übertriebene Realismus ist nicht mehr an der Zeit und hat nichts mit ehrlicher Empfindung zu schaffen.“[6]

In der späteren Literatur wird dieser Kritik oft mit Unverständnis begegnet und der Vorfall als Beispiel für einen grundlosen Antisemitismus angesehen, zeigt uns doch das Bild, das heute in der Hamburger Kunsthalle zu sehen ist, einen niedlichen blonden Knaben in weißem Gewand, wie er vor einer Gruppe Gelehrter in einen Kircheninnenraum steht. Allerdings ist zwischenzeitlich in Vergessenheit geraten, dass Liebermann dieses Bild einer Überarbeitung unterzogen hat. Schon Hancke bildet in seinem Werkverzeichnis die neuere Fassung des Bildes ab und verwundert sich über die Ablehnung, die dieses Bild 1879 in Deutschland erfuhr.[7] Zeichnungen der Originalfassung, wie sie erstmals von Katrin Boskamp ausgewertet wurden, zeigen jedoch einen dunkelhaarigen, unordentlich gewandeten Knaben mit einer Andeutung von Schläfenlocken, der barfuß in großen Gesten vor den Schriftgelehrten steht.[8] Liebermann hat – vermutlich noch vor 1884 – Gesicht und Haare übermalt, sowie dem Jesusknaben ein längeres Gewand gemalt. Zudem kommt in der neueren Fassung das „unschuldig Kindliche, das in den weichen Gesichtszügen, den rundlichen Gliedmaßen und der hilflosen Gestik zum Ausdruck kommt“[9] stärker zur Geltung. Boskamp vermutet in einer bei Hans Rosenhagen (1900) abgedruckten Federzeichnung eine genaue grafische Dokumentation des ursprünglichen Gemäldes.[10]

Die Kritik an diesem Bild trafLiebermann tief, so dass die Umsetzung biblischer Themen in seinem weiteren Werk kaum vorkommt.[11] Niemals habe er geglaubt (und auch nicht beabsichtigt), dass das Bild als Demonstration für sein Judentum ausgelegt werden könnte. Er sah seine Motive und Modelle von der künstlerischen Seite und ist über die Wirkung, die der Jesus ausübt, überrascht.[12]

„Aber die misslichen Erfahrungen, die ich bei dieser Gelegenheit zu machen hatte, waren mir so zuwider, dass ich seitdem kein religiöses Bild mehr gemalt habe.“[13]

Der Maler Prof. Max Liebermann mit einem Porträt des Reichspräsidenten Hindenburg in seinem Atelier, 1927; Bildquelle: Bundesarchiv (Wikipedia)

Wenngleich seine erste Fassung tatsächlich von den verbreiteten Darstellungen des Jesusknaben als niedlichen, blond gelockten Buben abwich, galt die Kritik doch in erster Linie dem jüdischen Künstler Liebermann, der es wagte, Jesus ‚jüdisch’ darzustellen. Auch Liebermanns Porträt des Reichspräsidenten von Hindenburg  aus dem Jahr 1927 ist Objekt antisemitischer Anschuldigungen.

Liebermann selbst schrieb dazu:

„Neulich hat ein Hitlerblatt geschrieben (…), es wäre unerhört, dass ein Jude den Reichspräsidenten malt. Über so was kann ich nur lachen. (…). Ich bin doch nur ein Maler, und was hat Malerei mit Judentum zu tun?“[14]

Dabei ist dieses Porträt des Reichspräsidenten nur eines von vielen Porträts, die gesellschaftlich hoch gestellte Personen dieser Zeit bei Liebermann in Auftrag geben.[15] Liebermann lebte als Jude, als Deutscher, als Berliner. Es steht für ihn in keinem Widerspruch, gleichzeitig jüdischen Glaubens und deutscher Nationalität zu sein.

„Mit Professor Einstein habe ich oft über die Judenfrage gesprochen. Mein ganzes Leben lang habe ich immer zuerst gefragt: Was bist du für ein Mensch? Niemals aber: Bist du Jude, Christ oder Heide? Ich bin als Jude geboren und werde als Jude sterben.“[16]

Quellen
  • [1] vgl. Gay (1986): Freud, Juden und andere Deutsche, S. 126. Dies charakterisiert die Einstellung vieler Juden im beginnenden 20. Jahrhundert in Deutschland. Es besteht für sie keine Notwendigkeit, sich entscheiden zu müssen, ob sie Juden sind oder Deutsche.
  • [2] Geiger, Ludwig: Max Liebermann als Maler der Seinigen, in: Allgemeine Zeitung des Judentums, 1917, zitiert in: Schütz, Chana: Max Liebermann. Impressionistischer Maler – Gründer der Berliner Secession, Teetz 2004, S. 34f.
  • [3] Liebermann, Max, in: ‚Das jüdische Magazin’, Jahrgang 1, 1929, Nr. 2, Berlin S. 9, in: Bunge, Matthias: Max Liebermann als Künstler der Farbe. Eine Untersuchung zum Wesen seiner Kunst, Berlin 1990, S. 223; Liebermanns Einstellung zum Judentum wird zumindest von einem Zeitgenossen negativ eingeschätzt. Karl Schwarz, der Direktor des Berliner Jüdischen Museums, kann 1929 Liebermann zur Annahme des Ehrenvorsitzes überreden, obwohl Liebermann jüdischen Institutionen fern steht. „Liebermann war so hundertprozentig Berliner, dass er darüber sein Judentum ganz vergessen hatte.“; Schwarz, Karl: Jüdische Kunst – Jüdische Kultur. Erinnerungen des ersten Direktors des Berliner jüdischen Museums, Berlin 2001, S. 202f.
  • [4] Eberle I, S. 159.
  • [5] Pecht, Friedrich, in: Hancke (1914): Max Liebermann, S. 133.
  • [6] Duranty, Edmond: L’Exposition internationale de Munich, Les Beaux-Arts illustrés 3, 1879, 2e série, S. 299-301, zitiert in: Leppien, Helmut R. (Hrsg.): Der zwölfjährige Jesus im Tempel von Max Liebermann, Hamburg 1989, S. 27.
  • [7] vgl. Hancke (1914): Max Liebermann, S. 135. Er schreibt weiterhin, dass das Bild hingegen in Frankreich große Annahme trotz (oder gerade wegen) des „absichtlich übertriebene[n] Realismus“ findet. Auch bemerkt er, dass bereits 1906 das Gemälde nicht mehr ablehnend aufgefasst wird; ebd., S. 135.
  • [8] vgl. Schütz (2004): Max Liebermann. Impressionistischer Maler, S. 22, sowie Eberle I, S. 160.
  • [9] Boskamp (1994): Studien zum Frühwerk von Max Liebermann, S. 80.
  • [10] vgl. ebd., S. 81f. und Rosenhagen (1900): Liebermann, S. 14.
  • [11] vgl. Schütz (2004): Max Liebermann, S. 23; Erst in seinem Spätwerk kommen religiöse Themen wieder vor. So entsteht 1902 das Gemälde Simson und Delila. Das Bild zeigt den Moment, in dem Delila Simson die Haare abgeschnitten hat und sie triumphierend empor streckt. Simson, der jüdische Herkules, im Kampf gegen die Philister wird in der Literatur als ein Abbild Liebermanns gedeutet, der sich gegen seine Widersacher durchsetzen muss; vgl. Max Liebermann in seiner Zeit, hrsg. von Sigrid Achenbach und Matthias Eberle, Kat. Ausst., Nationalgalerie Berlin, Haus der Kunst München, 1979-80, München 1979, S. 294f.; 1910 entstehen mehrere Versionen und Entwürfe zum Barmherzigen Samariter (dies im Widerspruch zu Chana Schützs oben bezeichneten Aussage, dass keine Themen des Neuen Testaments mehr umgesetzt wurden) sowie kurz vor seinem Tod im Jahr 1934 zwei Versionen der Rückkehr des jungen Tobias, einer Szene aus dem Alten Testament, die gleichzeitig auch seine letzten Bilder darstellen; vgl. Eberle II, S. 1249.
  • [12] vgl. Stuttmann, Ferdinand: Max Liebermann, Hannover 1961, S. 80.
  • [13] Liebermann, Max: Die Phantasie in der Malerei. Schriften und Reden, Frankfurt 1978, S. 13.
  • [14] Liebermann, Max, in: Koeppen (1961): Max Liebermann – Juden in der deutschen Kunst, S. 95.
  • [15] So malt er Porträts des Hamburger Bürgermeisters Carl Friedrich Petersen (1891), von Wilhelm von Bode (1904), Richard Dehmel (1909), Bruno und Paul Cassirer (1921 und 1922), Albert Einstein (1922) sowie von seinem Malerkollegen Lovis Corinth (1899).
  • [16] Liebermann, Max, zitiert in: Ostwald (1930): Das Liebermann-Buch, S. 19f.; Diese Aussage Liebermanns findet sich in vielen Publikationen, teils mit dem Hinweis auf das Gespräch mit Einstein, teils ohne. Keines dieser Zitate enthält jedoch eine genaue Datumsangabe oder den Anlass der Aussage, so dass fraglich bleibt, ob Liebermann diese Aussage so getätigt hat. Die Häufigkeit der Wiedergabe dieses Zitats (auch schon zu Lebzeiten) lässt jedoch darauf schließen, dass diese Aussage Liebermanns Haltung entspricht.
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