Welche Bedeutung hatten die „Monuments Men“ wirklich?

Filmstill "Monuments Men"

Filmstill „Monuments Men“

Im Februar kommt George Clooneys „Monuments Men“ in deutsche Kinos. Eine Erzählung über die heldenhaften Kunstschutzoffiziere, die gegen Ende des Zweiten Weltkriegs verhinderten, dass die Nazis europäische Kunstschätze in die Luft jagten und für immer zerstörten. Basierend auf einer wahren Geschichte. Oder?

Die Welt lässt sich nicht in Schwarz und Weiß aufteilen, in Gut und Böse. Dazwischen gibt es viele Graustufen. Je nachdem, von wem und wann eine Geschichte erzählt wird, wird diese in eine bestimmte Richtung gefärbt sein. Vor allem in der Retrospektive ist es schwierig, geschichtliche Zusammenhänge objektiv zu betrachten, und die einzelnen Rollen der Akteure hinsichtlich ihrer Wirkung zu beurteilen.

Besonders spannend ist es deshalb, sich geschichtliche Begebenheiten aus verschiedenen Blickwinkeln anzuschauen. Im Falle der Monuments Men etwa, die sich gegen Ende des Zweiten Weltkriegs und in der Besatzungszeit für den Kulturgüterschutz in Europa einsetzten, ist es höchst interessant, ihre Arbeit und den Nutzen, den sie brachten, sowohl aus amerikanischer Perspektive als auch aus der europäischen Sichtweise zu betrachten.

„Some strange romantic adventure“

… schrieb 1944 der Monuments Man George Stout an einen Bekannten, als er seinen Job in Europa antrat. Was wissen wir heute über die Monuments Men? Die amerikanische Sichtweise – die MFA&A war eine anglo-amerikanische Kunstschutzeinheit, der größte Teil der Monuments Men waren jedoch US-Amerikaner – wurde in den Vereinigten Staaten umfassend publiziert. Schon früh nach der Heimkehr veröffentlichten einzelne Kunstschutzoffiziere ihre Erfahrungsberichte in Europa. Die Monuments Men waren zumeist Kunsttheoretiker oder aus kamen aus praktischen Kunstberufen, sie hatten vor und auch nach ihrem Kriegseinsatz wichtige Positionen im amerikanischen Kultursektor inne. Sie waren allesamt von der Bedeutsamkeit ihrer Aufgabe im Kulturgüterschutz überzeugt, wie ein Auszug aus dem Wiesbadener Manifest belegt, dass Ende 1945 von den Monuments Men verfasst wurde:

Wir möchten darauf hinweisen, daß unseres Wissens keine historische Kränkung so langlebig ist und so viel gerechtfertigte Verbitterung hervorruft wie die aus welchem Grunde auch immer erfolgende Wegnahme eines Teils des kulturellen Erbes eine Nation, sei es auch, daß dieses Erbe als Kriegstrophäe aufgefaßt wird.

Eine Weile war das Wirken diese Truppe heldenhafter Kunstschützer in Vergessenheit geraden, bis Robert Edsel ihnen in der 2007 gegründeten Monuments Men Foundation wieder zu Geltung verhalf. Edsel, ein amerikanischer Autor und Geschäftsmann, untersuchte diese Kunstschutzeinheit und trug nicht nur durch seine zahlreichen spannenden Veröffentlichungen, sondern auch durch seine „Monuments Men“-Website dazu bei, dass man die Namen und Geschichten der einzelnen Kunstschutzoffiziere kennt. Dabei wird die Geschichte sehr glorifiziert dargestellt – die Monuments Men als die „Allied Heroes“ (so der Untertitel des gleichnamigen Buchs), die tapferen Helden, die sich mutig zwischen die Fronten stellten, um das Schlimmste für europäische Kunstgüter zu verhindern. 

Posey at Altaussee  Monuments Man Robert Posey, an unidentified U.S. Army officer, and American GIs stand in front of the administration building at the Altaussee salt mine in Austria

Monuments Men in Altaussee (c) Monuments Men Foundation

Ich möchte die Leistungen der Monuments Men in keinster Weise schmälern. Wer weiß, wie sich ohne sie der Wiederaufbau der Kulturlandschaft in Deutschland gestaltet hätte. Ihre Bedeutung für die Sicherstellung der Kunstwerke europäischer Museen, die kriegsbedingt in Salzbergwerken und anderen Depots in Sicherheit gebracht worden waren, ist enorm.  Man darf allerdings nicht vergessen, dass diese Kunstschutzeinheit aus dem Grund etabliert worden war, die ortsfesten Kulturgüter (Bauwerke, Denkmäler etc.) vor den Bombardements und den Zerstörungen durch durchmarschierende Truppen zu schützen. Also vor der Zerstörung durch die eigene Armee. Erst danach rückten die mobilen Kunstwerke in den Fokus der Kunstschutzoffiziere. Neben den ausgelagerten Museumsbeständen machten sich die Alliierten vor allem auf die Suche nach Kunstwerken, die von den Nationalsozialisten geraubt worden waren, aus den besetzten Gebieten, von jüdischen Mitbürgern, für Hitlers Führermuseum in Linz oder für die Privatsammlungen der NS-Funktionäre. Ein Großteil dieser Raubkunst befand sich in einem Salzbergwerk im österreichischen Altaussee.

Marmor, nicht stürzen

Schon der Trailer der „Monuments Men“ zeigt die Szene, wie die amerikanischen Kunstschutzoffiziere die Saline Altaussee entdeckten. Die Monuments Men sorgten dafür, dass die dort eingelagerten Kunstwerke (unter anderem die „Brügge-Madonna“ von Michelangelo und der Genter Altar), nicht, wie von den Nazis geplant, in die Luft gesprengt wurden. Dabei folgt Clooney den Ausführungen von Robert Edsel. Eine wahre Geschichte also?

Gauleiter August Eigruber; Bildquelle: Wikipedia

Konrad Kramar beschreibt in seinem kürzlich erschienenen Buch „Mission Michelangelo“ eine etwas andere Geschichte – aus österreichischem Blickwinkel. In der Tat gab es den sogenannten Nerobefehl: Der Feind dürfte nichts von Wert mehr vorfinden, wenn das Reich untergeht. Auch Kunstwerke sollten besser zerstört werden, als dass sie den Bolschewisten in die Hände fallen. Deshalb ließ der österreichische Gauleiter August Eigruber noch kurz vor Kriegsende Kisten mit Sprengstoff mit der Aufschrift „Marmor, nicht stürzen“ in die Salzminen bringen, um das ganze Bergwerk in die Luft zu sprengen. Aber er hatte die Rechnung ohne die lokalen Kunstexperten, vor allem aber ohne die Bergwerksverantwortlichen, die ihre Lebensgrundlage gefährdet sahen, gemacht. Diese Personen wollten die Sprengung verhindern.

In Berlin hatte sich Albert Speer bei Hitler dafür eingesetzt, dass der Nerobefehl abgeschwächt wurde. Nicht vollständige Zerstörung, sondern nur Lähmung des deutschen Wirtschaftsbetriebes sollte das Ziel sein, damit Deutschland dereinst wiederaufgebaut werden könne. Im weit entfernten Altaussee wurde die Lage unterdessen unübersichtlich, hektisch, ja panisch. Seit Monaten wurden Kunstwerke in die präparierten Stollen eingelagert, Restauratoren kümmerten sich um sie. Und nun sollte das alles gesprengt werden. Wie konnte man die tausende Kunstwerke retten? Wie konnte man sich Eigruber, der für standrechtliche Hinrichtung von Saboteuren berüchtigt war, widersetzen? Eine List wurde ersonnen: Der Gauleiter wurde davon überzeugt, dass es sinnvoller wäre, zunächst den Eingang zu den Stollen zu sprengen – die Sprengkraft der Bomben in der Mine wäre dann umso zerstörerischer. Der Gauleiter stimmte zu, die Vorbereitungen für dieses Tarnmanöver konnten beginnen. Sicherheitshalber brachten die vor Ort tätigen Restauratoren Herbert Seiberl und Karl Sieber die wertvollsten Kunstwerke dennoch zunächst tiefer in die Stollen, dann aber auch außerhalb der Mine in Sicherheit.

Gleichzeitig regte sich der Widerstand der Bergwerksarbeiter. Die eingelagerten Kunstwerke waren für sie völlig belanglos. Die Sprengung ihrer Mine hätte jedoch ihre Lebensgrundlage zerstört. Die Fronten in der Mannschaft verhärteten sich in diesen Tagen Ende April, Anfang Mai 1945. Der Leiter der Saline Emmerich Pöchmüller entschloss sich schließlich zur offenen Sabotage und befahl am 30. April den Abtransport der Bomben aus dem Bergwerk. Davon wiederum hatte Anton Glinz, die rechte Hand des Gauleiters Eigruber und wie dieser ein Verfechter des Nerobefehls, Wind bekommen. Bewaffnet erschien er in Altaussee und ordnete an, die Sprengung durchzuführen, sobald die dafür benötigten Zünder – bei den Bomben handelte es sich um Blindgänger alliierter Bomben – aus Innsbruck einträfen. Bergrat Otto Högler war mit seinem Latein am Ende. Was könnte er jetzt noch tun?

Die Lösung fanden sie bei Ernst Kaltenbrunner. Der Chef des Reichssicherheitshauptamtes hatte sich in das Ausseerland zurückgezogen, nachdem er von Hitler am 19. April 1945 die Befehlsgewalt über Bayern und Österreich erhalten hatte. Diesen suchte der Bergwerksmitarbeiter Alois Raudaschl nun auf und erhielt am 3. Mai auch tatsächlich die Erlaubnis, die Bomben aus dem Bergwerk herauszuholen. Ob dies nun geschah, weil Kaltenbrunner Arbeitsplätze vor Ort oder einen Wirtschaftsbetrieb schützen wollte oder schlicht aus politischem Kalkül, um vor den anrückenden Amerikanern besser dazustehen, bleibt ungewiss. Gemeinsam mit Bergrat Högler und tatkräftigen Männern holte man die Bombenkisten aus den Stollen und versteckte sie im Wald. Die Eingänge des Bergwerks wurden sicherheitshalber mit einer Sprengung verschlossen. Nun galt es auf die Amerikaner zu warten.

Im oberösterreichischen Schwanenstadt war Major Ralph Pearson stationiert. Er erhielt einen Tipp über die eingelagerten Kunstwerke und machte sich mit einer Handvoll Soldaten auf den Weg nach Altaussee. Auch Pearson wusste vom Nerobefehl und erkannte die Gefahr, die den Kunstwerken drohte – entweder die Zerstörung durch fanatische NS-Endzeitkämpfer oder aber Plünderungen.

In Altaussee angekommen wurde der Mineraloge des Bergwerks, Hermann Michels, zum wichtigen Kontaktmann der Amerikaner. Er sprach Englisch und inszenierte sich als alleiniger Retter der Kunstwerke. Michels gab den US-Truppen wichtige Informationen und half ihnen, durch die Schuttberge in die Mine einzudringen. Und dort fand Pearson schließlich die unversehrten Kunstwerke. US-Reporter kamen nach Aussee und berichteten über den Mega-Fund. Und am 13. Mai 1945 endlich tauchten auch die Monuments Men in Altaussee auf. Zu retten gab es nun nichts mehr, nur noch abzutransportieren.Der leitende Kunstschutzoffizier Robert Posey wird in den kommenden Wochen insgesamt 6577 Gemälde aus Altaussee nach München bringen, wo man sie nach Möglichkeit ihren rechtmäßigen Eigentümer zurückgeben wird. Hinzu kamen 954 Grafiken, 1200 bis 1700 Bücherkisten und Pakete sowie eine ganze Reihe von kunstgewerblichen Arbeiten.

Zeigt der Film also die wahren Begebenheiten?

Nur zum Teil. Die Monuments Men waren in Altaussee und haben sich vorbildlich um die Kunstwerke gekümmert. Im Central Collecting Point München bemühten sie sich um die Restitution dieser Kunstwerke. Gerettet wurden sie aber von anderen: von Bergwerksmitarbeiter und Kunstexperten in Österreich, die sich dem Nerobefehl widersetzten.

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  1. Pingback: Monuments Men – Wahre Helden oder nur ein großer Hype? | Tanja Bernsau

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