Wiederentdeckte Künstler: Christoph Voll

27. Juli 1897 in München; † 16. Juni 1939 in Karlsruhe

Christoph Voll

Neben der Frage der ungeklärten Provenienzen oder wie man heute mit dem Fund und dem Besitzer umgehen sollte, ist der Schwabinger Kunstfund für die Kunstgeschichte auch deshalb ein besonderes Ereignis, da in der Gurlittschen Sammlung auch Werke von Künstlern aufgetaucht sind, die wir beinahe vollständig vergessen haben. Einer dieser Künstler ist der bereits jung verstorbene Christoph Voll, den wir bislang in erster Linie als Grafiker und Bildhauer kannten. Von ihm tauchte nun das Aquarell eines Mönches aus dem Jahr 1921 auf.

Über den Künstler Christoph Voll gibt es nur wenige Veröffentlichungen. 1994 hat Anne-Marie Kassay-Friedländer eine Publikation über seine bildhauerische Tätigkeit veröffentlicht. 1997 widmete sich Stephan Weber in seiner Dissertation den Arbeiten auf Papier (mit besonderer Berücksichtigung der Dresdner Zeichnungen und Druckgrafiken im Kontext ihrer Zeit). Im Zusammenhang mit der Ausstellung von 2007 aus dem Bremer Gerhard-Marcks-Haus „Christoph Voll – Skulptur zwischen Expressionismus und Realismus“ wurde ein Ausstellungskatalog veröffentlicht. Ferner beschäftigen sich einige Fachartikel mit einzelnen Aspekten seines Werkes. Dazu findet Volls Werk Erwähnung in diversen Publikationen zum Thema „Entartete Kunst“, in erster Linie sind es dort wieder seine bildhauerischen Arbeiten, die im Fokus stehen. Aquarelle werden nur selten erwähnt.

Kaltnadel-Radierung (Selbstbildnis), undatiert

Christoph Voll wurde in Dresden von Albert Starke zum Bildhauer ausgebildet. Häufig in Eiche ausgefertigt zählen Bildnisbüsten, Ganzfiguren und Akte zu seinen beliebtesten Motive, der Mensch in verschiedenen Lebenssituationen. Nach seiner Teilnahme am Ersten Weltkrieg schloss er sich 1920 der Dresdner Sezession, Gruppe 1919 an. Protagonisten dieser „brüderlichen Vereinigung und Kampforganisation“ waren Conrad Felixmüller (damals 22 Jahre jung) und Otto Dix, Hugo Zehder (Architekt), Lasar Segall, Wilhelm Heckrott, Otto Schubert, Gela Forster. Oskar Kokoschka war Ehrenmitglied der Gruppe, hat aber nie mit ihnen ausgestellt. Die erste Ausstellung im April 1919 wurde in der in der Galerie Emil Richter veranstaltet. Dieser Gruppe war nur eine kurze Lebensdauer beschert, erste Mitglieder schieden aus politischen Gründen bereits im August 1919 aus. Kurz darauf folgte der Ausstieg von Conrad Felixmüller, danach stagnierte die Entwicklung der Gruppe. Bereits im Jahr  1925 endete mit einer Ausstellung die Tätigkeit der Gruppe.

Durch zahlreiche Ausstellungen bekannt geworden, übernahm Christoph Voll 1925 eine Kunstprofessur, zunächst in Saarbrücken, seit 1928 an der Badischen Kunsthochschule Karlsruhe.

Ausstellungsansicht Entartete Kunst

Während der NS-Zeit galt Christoph Voll als „entartet“. Seine Skulptur „Schwangere“ wurde 1937 in der Münchner Femeausstellung „Entartete Kunst“ gezeigt (die obige Abbildung zeigt die Skulptur an der vorderen Ecke des Raumes  auf einem Sockel). Dabei wurde er aufgrund seiner künstlerischen Formgebung angegriffen:

„In dieser Abteilung der Ausstellung wird klar gemacht, daß außer dem Neger als dem rassischen Ideal der damals ‚modernen‘ Kunst auch ein ganz besonderes geistiges Ideal vorschwebt, nämlich der Idiot, der Kretin und der Paralytiker.“ (Ausstellungsführer Entartete Kunst, München, S. 18)

Joseph und Potiphar, 1937 beschlagnahmte Skulptur

Insgesamt wurden in dieser Aktion etwa 17.000 Werke von etwa 1.400 Künstlern ohne Rücksicht auf die Rechtslage zusammengetragen und nach Berlin gebracht. Die gesetzliche Regelung dazu erfolgte erst im Nachgang mit dem Gesetz über die Einziehung von Erzeugnissen der entarteten Kunst 31.05.1938. Die für die Ausstellung Entartete Kunst und anderweitig konfiszierten Kunstwerke werden von der Kommission zur Verwertung beschlagnahmter Werte entarteter Kunst zusammengetragen und an Privatkunden und Kunsthändler auf dem internationalen Markt verkauft, um Devisen zu beschaffen. Diese Verwertungskommission für die beschlagnahmten Kunstwerke beauftragte die vier Kunsthändler mit dem Verkauf: Bernhardt A. Böhmer aus Güstrow, Karl Buchholz und Ferdinand Möller aus Berlin und Hildebrand Gurlitt aus Hamburg. Die als „international verwertbaren“ eingeschätzten Kunstwerke (etwa ein Drittel) wurden ausgesondert. Rund 5.000 Werke wurden am 20. März 1939 auf dem Hof der Berliner Hauptfeuerwache verbrannt. Ein Drittel der sichergestellten Werke verschwand auf ungeklärte Weise (teilweise in die Privatsammlungen der Naziführer). Am 30.06.1939 wurden 125 Werke bei Fischer Luzern verkauft (zuvor hatte sich Hermann Göring noch 14 Werke angeeignet). Das Auslandsinteresse war relativ gering (gemessen an der Menge der verfügbaren Werke). Offiziell wurden die Bilder im Ausland verkauft, um mit dem Erlös wertvolle deutsche Kunstwerke aus ausländischem Besitz zurückzukaufen bzw. lebende deutsche Künstler zu fördern. Die Aktion stand jedoch in dem Verdacht, für Waffenkäufe genutzt zu werden. Dies war wohl auch zutreffend, der Erlös sollte erst nach Kriegsende für Ankäufe genutzt werden. Faktisch ist ein kleiner Teil des Luzern-Erlöses jedoch bereits während der NS-Zeit dem Kultursektor zugute gekommen.

Bereits zwei Jahre vor der Münchner Ausstellung waren Werke Volls bereits in der Dresdner Schreckenskammer der Kunst ausgestellt. Seine Werke wurden in der Folge aus öffentlichen Sammlungen verbannt. Privatsammlungen waren zunächst von dieser Maßnahme nicht betroffen. Im Fall der jetzt bei Gurlitt aufgetauchten Kunstwerke Christoph Volls lässt sich jedoch rekonstruieren, dass sie dem jüdischen Rechtsanwalt Fritz Salo Glaser aus Dresden gehörten, den Voll gut gekannt hatte. Eine Porträtbüste Glasers, geschaffen von Christoph Voll, wurde 1966 von der Nationalgalerie Berlin erworben. Da Glaser als Jude mit Berufsverbot belegt war, musste er nach und nach Kunstwerke seiner Sammlung, die in erster Linie aus moderner Kunst bestand, veräußern. Möglicherweise kamen sie auf diesem Weg in Gurlitts Sammlung.

Voll selbst wird die Verfolgung als Künstler nicht mehr lange erleben. Obwohl seine Lehrtätigkeit geschätzt wurde, wird sein Lehrauftrag in Karlsruhe zum 31.10.1937 beendet. 1939 verstirbt Voll in Karlsruhe an „physischer Zerrüttung“ (Dietrich Schubert) und wird in Dänemark beigesetzt, wohin seine Frau mit der gemeinsamen Tochter geflüchtet war.

Viele seiner Kunstwerke, die im Rahmen der „Entarteten Kunst“-Aktion aus öffentlichen Sammlungen entfernt wurden, sind vermutlich von den Nationalsozialisten zerstört worden, wenn sie nicht im Ausland verkauft werden konnten. Möglicherweise finden sich jedoch noch mehr seiner Kunstwerke in Privatsammlungen.

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