Provenienzforschung: Unabhängigkeit als Erfolgsfaktor?

Rainer Sturm  / pixelio.deProvenienzforschung, vor allem im Zusammenhang mit der Untersuchung NS-verfolgungsbedingter entzogener Kunst in Museen, wird noch lange ein Thema in der westlichen Kulturlandschaft sein. Ohnehin erst seit der Washingtoner Erklärung 1998 und in Deutschland erst seit 1999 mit der Selbstverpflichtung der deutschen öffentlichen Museen zur Überprüfung ihrer Bestände auf ‚kritische‘ Inhalte, findet ein systematischer Umgang mit diesem Thema statt. Aber auch heute, beinahe 70 Jahre nach Kriegsende, sind längst nicht alle Erwerbsumstände von Kunstwerken aus der NS-Zeit bekannt. Noch heute besitzen Museen Kunstgegenstände, für die sich ein enteigneter Erbe finden ließe – wenn sie denn wüssten, wo sich ihr Besitz befindet.

Gefunden werden oder selbst suchen

Bislang galt das Prinzip der ‚passiven Provenienzforschung‘: Wenn eine ehemaliger Besitzer, etwa in einer Ausstellung, sein Eigentum entdeckte, konnte er mit dem Museum in Kontakt treten und die Rückgabe beantragen, wobei er dann in der Pflicht war, die Eigentumslage zu belegen. Da häufig in der NS-Zeit neben dem Kunstwerk aber auch sämtliche Belege verloren gegangen sind oder vernichtet wurde, ist dies für den Antragsteller schwierig.  Eine Rechtsgrundlage zur Restitution bestand in der Regel ohnehin nicht. Hier konnte eine Einigung auf freiwilliger Basis gefunden wurden. Die Selbstverpflichtung, basierend auf der Washingtoner Erklärung, sorgte nun dafür, dass die deutschen öffentlichen Museen darüber einig waren, dass sie selbst pro-aktiv mit diesem Thema umgehen müssen. Also nicht nur auf Anträge warten, sondern selbst die eigenen Erwerbungen kritisch prüfen müssen. Keine Frage, eine Mammutaufgabe, gilt es doch nicht nur die Kunstgegenstände zu überprüfen, die das Museum selbst zwischen 1933 und 1945 erworben hatte, sondern auch jene, die erst danach in den Museumsbestand kamen, aber möglicherweise in der kritischen Zeit NS-verfolgungbedingt ihren Besitzer gewechselt hatten. Für jedes einzelne dieser Kunstwerke gilt es also herauszufinden, welche Voreigentümer es hatte und unter welchen Umständen der Eigentumsübergang jeweils stattgefunden hatte.

Beruf: Teilzeit-Provenienzforscher

Einige Museen – längst nicht alle – leisten sich deshalb heute Provenienzforscher, die die Bestände überprüfen und die Ergebnisse veröffentlichen. Die dafür eingerichtete Koordinierungsstelle für Kulturgutverluste in Magdeburg und die Datenbank „Lost-art“, in der die Ergebnisse frei zugänglich dokumentiert werden, bilden dabei eine zentrale Anlaufstelle für die früheren Eigentümer, die nun nicht mehr ihren Besitz in jedem einzelnen Museum suchen müssen. An der rechtlichen Situation ändert das natürlich nichts. Auch hier wird eine Einigung zwischen dem besitzenden Museum und dem Antragsteller aus moralischen Gründen getroffen, damit eine „gerechte und faire Lösung“ gefunden wird.

Viele diese Provenienzforschungsstellen sind jedoch zeitlich befristet oder ohnehin nur Teilzeitstellen. Die vom Bund bereitgestellten Fördermittel reichen für weitere festangestellten Forscher nicht aus. Aber sind Provenienzforscher, die für den aktuellen Besitzer arbeiten, wirklich die Lösung?

Eine denkbare Alternative, die ich auch für sinnvoll und auch für ein finanzierbares Modell halte, wird in einem aktuellen Artikel der Zeit vorgeschlagen: unabhängige Provenienzforschung. Provenienzforscher, die unabhängig auf die Interessen der Museen bei der Recherche keine Rücksicht nehmen müssen. Die Museen, die sich zwar gemeinsam zur Provenienzforschung verpflichtet haben, haben natürlich ein ureigenstes Interesse daran, ihre Sammlung zusammenzuhalten. Mögliche Restitutionen stehen dem im Wege. Unabhängig aber auch von den Antragstellern: Provenienzforscher, die im Auftrage von Anwälten etwa die Nachforschungen betreiben, wären das andere Extrem des Gewissenskonflikts im Spannungsfeld zwischen Museum und Erbe. Aber externe, freiberufliche Kunsthistoriker, die die Einzelfälle aufgrund der Aktenlage, aufgrund des Objekts sachlich, wissenschaftlich neutral untersuchen, können die Sachlage sicherlich objektiver aufklären. Wie die Einigung zwischen den Parteien dann erfolgt, ist natürlich weiterhin Verhandlungssache.

Bildquelle: Rainer Sturm  / pixelio.de

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