Martin Flersheim – Jüdischer Sammler und Mäzen aus Frankfurt

Jakob Nussbaum_Bildnis M. Flersheimenglisch_50x33Viele jüdische Kunstsammler und Mäzene sind in der NS-Zeit umgekommen. Ihre Sammlungen wurden konfisziert, mussten verkauft werden oder sind in den Kriegswirren verloren gegangen. Die Namen dieser Männer und Frauen sind nach 1945 weitgehend in Vergessenheit geraten, auch wenn diese Sammler in ihrer Zeit durchaus geschätzte Bürger waren, die im Kulturleben ihrer Stadt sehr engagiert waren. Ihre Kunstwerke tauchen immer wieder auf dem Kunstmarkt auf und bereichern noch heute die Museen. Einer dieser fast vergessenen Kunstsammler ist Martin Flersheim aus Frankfurt am Main.

Otto Scholderer: Der Geiger am Fenster Schenkung von Martin Flersheim an das Städel Museum (c) Städel

Der Frankfurter Kaufmann Martin Flersheim (1856-1935) war ein bedeutender Kunstsammler und Mäzen. Er besaß eine umfangreiche Sammlung zeitgenössischer deutscher Künstler – unter anderem mit Gemälden von Franz von Lenbach, Jakob Nussbaum, Franz von Stuck, Wilhelm Trübner, Fritz von Uhde sowie von Max Liebermann, darunter das bereits erwähnte „Wirtshaus in Overveen„, das 2005 beim Auktionshaus Hampel zum Verkauf kommen sollte. Eine Aufstellung der kompletten Sammlung ist in den Kriegswirren zerstört worden, so dass die Sammlung im Ganzen nicht mehr rekonstruiert werden kann. Es befindet sich lediglich eine Kopie einer Bestandsliste etwa aus dem Jahr 1910 im Bestand der Berliner Kunstbibliothek. Er war Vorstandsmitglied im Städelschen Museumsverein und saß im Verwaltungsrat des Frankfurter Kunstvereins. Im Jahr 1921 stiftet er dem Städelmuseum den bekannten „Geiger am Fenster“ von Otto Scholderer, das noch heute zu einem der schönsten Werke der Sammlung gehört. Zuvor hatte Flersheim dem Städel bereits das Carl Spitzwegs Gemälde „Der Einsiedler vor der Klause“ als Schenkung überlassen.

Ernst Flersheim

Martin Flersheim starb 1935, bevor die Nationalsozialisten weitere Repressalien gegen ihn ausüben konnten. Sein Bruder jedoch, der Frankfurter Elfenbeinhändler Ernst Flersheim, war 1937 gezwungen, seine Kunstsammlung zu verkaufen, um nach Amsterdam zu emigrieren. Ernst Flersheim und seine Frau starben 1944 im Konzentrationslager Bergen-Belsen. Die Kunstsammlung wurde zerstreut. Seine Erben standen nach dem Krieg mit dem Wuppertaler von-der-Heydt-Museum in Verhandlungen:

Hans von Marées: Araber neben seinem Pferd, 1857

Ein Gemälde von Hans von Marées, Tatar mit Pferd, gehörte auch zu den Gemälden, die die Eheleute Ernst Flersheim 1937 versteigern mussten, um die Flucht nach Amsterdam finanzieren zu können. 1946 kam das Bild in den Besitz des Museums. Dem Museum lagen Anträge auf Herausgabe der ‚verfolgungsbedingt entzogenen‘ Bilder durch die Erben vor, es verweigerte jedoch zunächst die Rückgabe der Werke. Ein Rechtsanspruch auf die Herausgabe der Bilder an die Erben bestand nicht, aus moralischen Gründen wurde jedoch von der Stadt Wuppertal in einer Anhörung eine freiwillige Restitution angeraten. 2003 wurde es auch tatsächlich an die Erben Ernst Flersheims restituiert, 2007 war es vom Auktionshaus Christie’s zur Versteigerung angeboten, blieb aber unverkauft.

Martin Flersheims Witwe Florence, welche die amerikanische Staatsangehörigkeit besaß, emigrierte nach dessen Tod mit dem gemeinsamen Sohn über Holland in die Vereinigten Staaten. Nach 1945 forderte sie von der Stadt Frankfurt die Restitution von Kunstwerken, die sie vor der Emigration hat verkaufen müssen. Der Schriftwechsel, den der beauftragte Rechtsanwalt Dr. Fritz Mertens mit der Stadt und den zuständigen Ämtern über mehrere Jahre führte, ist im Institut für Stadtgeschichte Frankfurt archiviert und liefert die folgenden Informationen zur Sammlung: Einen Teil der Kunstsammlung verkaufte Frau Florence Flersheim über Dr. Mertens 1938 an die Städtische Galerie (Werke von Arnold Böcklin, Fritz von Uhde, Louis Eysen, Johann Friedrich Morgenstern) – nach eigenen Angaben unter Wert und ohne die Möglichkeit, über dieses Geld zu verfügen – um die fällige Reichsfluchtsteuer zu bezahlen. Weitere Teile der Flersheim’schen Sammlung kamen nach Holland, wo sie nach dem Einmarsch deutscher Truppen vom Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg konfisziert wurden. Diese Kunstwerke könnten möglicherweise von den Alliierten in den Central Collecting Points zusammengetragen worden sein. In den amerikanischen Archiven findet sich deshalb auch die Anfrage von Martin Flersheims Sohn Frederick, der neben der Kunstsammlung auch den Verbleib der umfangreichen Bibliothek anfragte. Aus letzterer konnte nur wenig noch im Offenbacher Central Collecting Point auffindbar gemacht werden. Wegen der Kunstsammlung, die in Amsterdam geraubt wurde, wurde Frederick Flersheim an holländische Stellen verwiesen, da nur diese einen Restitutionsantrag an die amerikanische Militärregierung richten konnten (an Privatpersonen wurde nicht restituiert). Am 07. April 1947 bestätigt der Theodore A. Heinrich, Chief der MFA&A-Section jedoch, dass sich keine Kunstwerke aus der Flersheim-Sammlung im Wiesbadener Collecting Point befinden.

Kunstwerke dieser Sammlung sind bis heute Gegenstand von Restitutionsanträgen. Neben dem bereits erwähnten Liebermann-Gemälde wurden im Jahr 2011 zwei Gemälde von Jacob Nussbaum an die Erben von Martin Flersheim restituiert. Noch heute verzeichnet die Lost-Art-Database 78 Gemälde, deren Verbleib unklar ist. Der Fall Flersheim ist noch nicht abgeschlossen.

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