Restitutionsfall Welfenschatz – Wem gehört die Reliquiensammlung des Braunschweiger Doms?

Welfenkreuz

Einen schwierigen Fall hat die Limbach-Kommission aktuell vor sich. Die Kommission, deren vollständiger Name etwas sperrig „Beratende Kommission im Zusammenhang mit der Rückgabe NS-verfolgungsbedingt entzogener Kulturgüter, insbesondere aus jüdischem Besitz“ lautet, wurde im Januar im Restitutionsfall „Welfenschatz“ als Mediator zwischen den Parteien angerufen. Wie wird sie entscheiden? 


Bewegte Geschichte

Kuppelreliquiar

Als „Welfenschatz“ bezeichnen wir heute die ursprünglich aus dem Braunschweiger Dom stammende Sammlung verschiedener kunsthandwerklicher Arbeiten, entstanden zwischen dem 11. und 15. Jahrhundert. Die Sammlung veränderte sich vielfach im Laufe der Jahrhunderte – neue Stücke kamen hinzu (im 15. Jahrhundert zählte sie 140 Gegenstände), andere wurden verkauft, gestohlen oder verschenkt. 1866 wurde das Königreich Hannover preußische Provinz, der Welfenschatz dem ehemaligen König Georg als Privateigentum zugesprochen, der ihn mit ins österreichische Exil nahm. Dessen Enkel Herzog Ernst-August von Braunschweig-Lüneburg wiederum, nach 1918 in wirtschaftliche Notlage geraten, bemühte sich um einen Verkauf der verbliebenen 82 Teile des Reliquienschatzes. Er verlangte dafür den unrealistischen Preis von 24 Millionen Reichsmark, weshalb er lange Zeit keinen Abnehmer fand (auch wenn einige deutsche Museen diesen Schatz gerne als Ganzes erworben hätten).

Ein jüdisches Konsortium, bestehend aus den Frankfurter Kunsthändlern Max Hackenbroch, Isaac Rosenbaum, Saemy Rosenberg und Julius Goldschmidt erwarb schließlich 1929 für 8 Millionen Reichsmark den Welfenschatz. Sie beabsichtigten, die Sammlung stückweise und gewinnbringend ins Ausland zu verkaufen – die kurz darauf eintretende Weltwirtschaftskrise machte ihre Pläne zunichte. Dennoch gelang es ihnen, 40 Einzelstücke in die USA zu verkaufen, unter anderem an das Cleveland Museum of Art sowie an das Art Institute of Chicago.

Mit der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten begann 1933 auch für diese Kunsthändler die Verfolgung und der Entzug der wirtschaftlichen Grundlage. Seit 1934 verhandelten sie mit verschiedenen preußischen Ministerien um einen Verkauf der Sammlung an den Staat. Für die Rückführung des Welfenschatzes ins Deutsche Reich setzten sich damals Bernhard Rust (damals preußischer Kultusminister) und Hermann Göring ein. 1935 kaufte der preußische Staat die restlichen 42 Stücke für die Staatlichen Museen in Berlin zu einem Kaufpreis von 4 Millionen Reichsmark.

Zusammen mit anderen Werken aus den Berliner Sammlungen war auch der Welfenschatz gegen Kriegsende aus der Gefahrenzone gebracht worden. Er lagerte im Salzbergwerk in Merkers (Thüringen), wo er von den amerikanischen Alliierten aufgefunden und in den Central Collecting Point Wiesbaden gebracht wurde. Dort blieb er bis 1957. Sechs Jahre lang waren die Kunstwerke anschließend in der Burg Dankwarderode ausgestellt, bevor sie ihre endgültige Heimat im Berliner Kunstgewerbemuseum fanden, wo sie noch heute ausgestellt sind.

Der Restitutionsantrag

Im Jahre 2008 stellten die Erben dieses jüdischen Konsortiums einen Restitutionsantrag an das Kunstgewerbemuseum Berlin und forderten die Rückgabe des Welfenschatzes. Als Argumente führten sie an, dass der Verkauf unter Zwang (rassistische Verfolgung) erfolgte, dass kein angemessener Kaufpreis gezahlt wurde und dass sie darüber hinaus über den Kaufpreis nicht frei verfügen konnten. Ein Gutachter der Erben kam zu dem Ergebnis, dass der Kaufpreis 40 % unter einem marktüblichen Preis gelegen habe.

Das Kunstgewerbemuseum sieht den Fall anders. Sie bestreiten nicht die grundsätzliche Tatsache der jüdischen Verfolgung, aber in diesem speziellen Fall seien die Umstände andere gewesen. Die jüdischen Kunsthändler waren bereits durch die Weltwirtschaftskrise in wirtschaftliche Not geraten, was den Verkauf bedingte. Kein Museum oder ein anderer Käufer hätte mehr als die gezahlten 4 Millionen für diese Kunstwerke zahlen wollen. Zudem haben sich die Reliquienschätze zum Zeitpunkt des Verkaufs im sicheren Ausland befunden (sie lagerten in Amsterdam), so dass sie nicht in Gefahr der Konfiszierung durch deutsche Stellen waren. Das Gutachten der Berliner Sammlungen kommt vielmehr zu dem Ergebnis, dass ein der Situation und dem Kaufgegenstand angemessener Kaufpreis gezahlt wurde, über den die damals bereits im Ausland lebenden Verkäufer auch verfügen konnten.

Hier stehen nun zwei Sichtweisen gegenüber. Auch heute ist der Welfenschatz noch ein Millionenschatz. Aber auch wegen der Bedeutung als nationales Kulturerbe hat die Berliner Sammlungsverwaltung ein Interesse daran, diesen Kunstschatz, den sie ihrer Meinung nach rechtmäßig erworben hat, zu behalten. Die Erben der jüdischen Kunsthändler möchten diese wertvollen Kunstwerke, die sie ihrer Meinung nach unter Zwang und unter Wert verkauft hatten, zurück haben – ebenfalls nachvollziehbar. Rechtlich knifflig. Solche Fälle werden heute nach den Regeln der „Washingtoner Erklärung“ entschieden, die besagt, dass die öffentlichen Sammlungen in Restitutionsfällen eine „faire und gerechte Lösung“ anstreben sollen.

Was bedeutet in diesem Fall „fair und gerecht“? Die Verhandlungsparteien konnten zu keiner Einigung gelangen und schalteten deshalb zur Vermittlung die Limbach-Kommission ein, die am 15. Januar die beiden Seiten angehört hat.

Kein Schiedsgericht

Büstenreliquiar des Heiligen St. Blasius aus dem Welfenschatz Staatliche Museen zu Berlin, Kunstgewerbe-museum/ Jürgen Liepe

Bisher wurde die Limbach-Kommission erst siebenmal angerufen, da sie als Mediator nur dann tätig werden kann, wenn beide Parteien des Restitutionsfalles dies wünschen. Eine Tatsache, die wiederholt kritisiert wird. Aber die Limbach-Kommission ist kein Schiedsgericht, sie spricht nur Empfehlungen aus. Und nur, wenn beide Parteien zu einer Einigung bereit sind und die Kommission einschalten. Im Fall des Welfenschatzes sind beide Seiten offensichtlich zu Verhandlungen bereit, wenngleich beide gute Argumente für ihre Sichtweise vorbringen. Die Limbach-Kommission wird nun in den nächsten Wochen eine Entscheidung über diesen Fall treffen. Dann entscheidet sich, ob der Welfenschatz in einer öffentlichen Sammlung bleiben kann. Der Braunschweiger Domprediger Joachim Hempel wünscht sich deshalb eine vielleicht letzte Ausstellung in Deutschland in Braunschweig, solange die Sammlung durch den Umbau in Berlin nicht öffentlich zugänglich ist.

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2 Gedanken zu “Restitutionsfall Welfenschatz – Wem gehört die Reliquiensammlung des Braunschweiger Doms?

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