Die Monuments Men in Wiesbaden – Hollywoods Helden im Landesmuseum 1945

Museum Wiesbaden 1946; (Bildquelle: James J. Rorimer papers, Archives of American Art, Smithsonian Institution)

In wenigen Tagen kann man deutschlandweit George Clooneys Verfilmung der „Monuments Men“ sehen, jener amerikanischen Kunstschutzeinheit, die sich gegen Ende des Zweiten Weltkriegs auf eine abenteuerliche Schatzsuche machte, um europäische Kulturgüter zu bewahren. Was in der Hollywood-Verfilmung nicht zur Geltung kommt: Die Geschichte der Monuments Men hört nicht mit dem Auffinden der Kunstwerke in den Salzbergwerken und anderen Auslagerungsstätten auf. Im Gegenteil – das wahre Verdienst dieser Kunstschutzoffiziere fängt gegen Kriegsende erst an. Und zwar auch hier vor Ort, in dem Gebäude des heutigen Landesmuseums Wiesbaden.

Eingerichtet im Sommer 1945 vom Kunstschutzoffizier Capt. Walter Farmer beherbergte die dort eingerichtete Sammelstelle verschiedenartigste Kunstwerke, die die Monuments Men auf ihrer Kunstschatzsuche aufgefunden hatten. Einen großen Fund machten sie zum Beispiel in einer Salzmine im nicht weit entfernten Merkers (Thüringen), wo Bestände der Berliner Museen eingelagert waren, unter anderem so bedeutende Werke wie die Büste der Nofretete, der Welfenschatz oder Rembrandts „Mann mit dem Goldhelm“. Im Laufe seiner Bestehenszeit kamen in diesen sogenannten Central Collecting Point (CCP) noch weitere Bestände anderer Museen, die kriegsbedingt an die unterschiedlichsten Orte in Sicherheit gebracht worden waren. Diese Kunstwerke waren dabei so vielfältig wie ihre Herkunftsorte und Auslagerungsstätten. Steinplastiken aus der Ägyptischen Abteilung der Berliner Sammlungen, Münzsammlungen, Bücherkisten der Berliner Kunstbibliothek, Gemälde und Druckgraphiken aus dem Wallraf-Richartz-Museum Köln, dem Städel, der Mannheimer Gemäldegalerie, Skulpturen, Teppiche – all diese Kunstwerke wurden von Farmer und seinem Team auf ihre Herkunft untersucht und an die Eigentümer zurückgegeben. Ein Großteil der Kunstwerke war damals deutscher Museumsbesitz und wurde auch als solcher an die Museum zurückgegeben, einige Kunstwerke wurden bereits während der Besatzungszeit von Vertretern anderer Länder (unter anderem an Frankreich und Holland) restituiert.

Mit vielen der im Wiesbadener CCP eingelagerten Kunstwerke veranstalteten die Besatzer Ausstellungen, bei der stets der Publikumsliebling, die ägyptische Königin Nofretete, zu sehen war. Mit diesen insgesamt 10 Ausstellungen demonstrierten die Kunstschützer ihren Einsatz für den Kulturgüterschutz, zeigten der deutschen Bevölkerung – die Ausstellungen zogen nicht nur Besucher aus Wiesbaden an – die große Bandbreite ihres Kulturerbes auf, überwiegend etablierte Altmeistergemälde, Kunst der Renaissance oder des 18. Jahrhunderts. Aber die Alliierten präsentierten auch die von Hitler bevorzugte deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts (etwa Spitzweg), mit einem neuen Blick auf diese Kunstwerke, die in den USA bis dahin weder in öffentlichen Sammlungen noch an den kunsthistorischen Fakultäten eine besondere Rolle gespielt hatte.

Das Wiesbadener Manifest

Warum diese Ausstellungen? Die Monuments Men hatten mit dem Verwalten der Kunstwerke im Collecting Point alle Hände voll zu tun. Und trotzdem wollten sie die vorhandenen Kunstwerke zeigen. Das steht meiner Meinung nach in engem Zusammenhang mit einer Episode des Wiesbadener Collecting Points aus dessen Anfangszeit: Im November 1945 – der CCP war bereits seit vier Monaten in Betrieb – erhielt Direktor Farmer ein Telegramm vom seinem Vorgesetzten General Clay, er möge 200 Gemälde aus den Einlagerungsbeständen auswählen und in die USA senden, da ihre sichere Unterbringung in Deutschland nicht gewährleistet sei. Sie sollten in Amerika verwahrt werden, solange bis sich die Situation geändert hat. Farmer ist erstaunt – hatte er doch alle Anstrengungen unternommen, um die eingelagerten Kunstwerke in Wiesbaden bestmöglich, mit nachkriegsbedingten Einschränkungen, unterzubringen. Sollte da eine Beutekunst-Absicht dahinter stehen? Wollten die Amerikaner deutsche Kunstwerke als Reparationszahlungen in die USA bringen? Waren diese 200 Kunstwerke nur der Anfang von einem Beutekunstzug größeren Stils?

Farmer kann diesen Abtransport nicht gutheißen. Er widerspricht seiner Auffassung von Kulturgüterschutz, von der Bewahrung vom Kulturerbe einer Nation, das vor Ort bleiben muss. Er ruft seine in Europa stationierten Kunstschutz-Kollegen nach Wiesbaden. Gemeinsam verfassen und unterzeichnen sie das „Wiesbadener Manifest“, in dem es unter anderem heißt:

„Wir möchten darauf hinweisen, daß unseres Wissens keine historische Kränkung so langlebig ist und so viel gerechtfertigte Verbitterung hervorruft wie die aus welchem Grunde auch immer erfolgende Wegnahme eines Teils des kulturellen Erbes einer Nation. (…).“

Dieser Protest konnte den Abtransport nicht mehr verhindert. Die 200 Kunstwerke – ausgewählt wurden Meisterwerke von Künstlern wie Rembrandt, Rubens, Tizian, Cranach, Dürer, Holbein, Raffael, Mantegna, Edouard Manet, Rogier van der Weyden oder Jan Vermeer – kamen im Dezember 1945 in Washington an und wurden in den Depots der National Gallery of Art eingelagert. Durch die in die Vereinigten Staaten zurückgekehrten Kunstschutzoffiziere, die in der Fachpresse ihre Erlebnisse in Europa publizierten, wurde das Manifest in den USA veröffentlicht und spätestens mit seiner Veröffentlichung im „New Yorker“ auch einer breiten Öffentlichkeit bekannt gemacht. Durch diesen öffentlich gemachten Protest musste schließlich auch die amerikanische Regierung einlenken und die Kunstwerke – nach einer Ausstellungstournee durch die USA, deren Erlös deutschen Kinderhilfswerken zugutekam – an Deutschland zurückgeben. Sie bilden heute, neben den weiteren aus den CCPs retournierten Kunstwerken, den Grundstock der deutschen Museumsbestände. Weitere Abtransporte von Kunstwerken in die USA hat es nicht gegeben.

Der Central Collecting Point Wiesbaden bestand noch bis 1. Juli 1951, wurde aber bereits am 1. August 1948, neun Monate vor dem Ende der Besatzungszeit, dem hessischen Kultusministerium zur treuhänderischen Verwaltung übertragen. Restbestände, Kunstwerke aus den CCPSs mit ungeklärten Provenienzen, liegen heute in der Verantwortung des Bundesamts für zentrale Dienste und offene Vermögensfragen in Berlin.

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3 Gedanken zu “Die Monuments Men in Wiesbaden – Hollywoods Helden im Landesmuseum 1945

  1. Pingback: Sonntagsleserin KW #7 – 2014 | buchpost

  2. Auch hier in Siegen werden die „Monuments men“ gerade sehr wahrgenommen: http://www.siwiarchiv.de/?s=monuments+men . In dem Radio-Beitrag auf WDR 5 wurde erwähnt, dass die Kunstwerke aus dem Siegener Stollen nach Wiesbaden verbracht wurden. Aus Josef Lambertz „Siegen und die Odyssee des Aachener Domschatzes im Zweiten Welt“, Siegener Beiträge (2011), S. 129-144, geht m. E. hervor, dass die Kunstschätze direkt von Siegen aus zurückgebracht wurde.

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    • Hallo Herr Wolf,

      meines Wissens waren die Funde der Kupfermine Siegen, die die Amerikaner auffanden, in den Marburger Central Collecting Point gelagert. James Rorimer schreibt darüber in seiner Veröffentlichung „Survival“. Ebenso der Marburger CCP Direktor Walker Hancock in seinem Aufsatz „Experiences of a monuments officer in Germany, in: College Art Journal, Vol. 5, No. 4 (May, 1946), S. 271-311. Ob das der vollständige Inhalt der Mine war, oder ob Teile davon nach Wiesbaden kam bzw. auch direkt zurückgegeben werden konnte, kann ich im Moment nicht sagen, müsste sich aber in den amerikanischen Archivmaterialien recherchieren lassen. Der Kathedralschatz aus Aachen soll aber wohl, so Hancock, aus Siegen erst nach Marburg verbracht worden sein.
      Ich habe gerade ganz begeistert über Ihren Blog geblättert – sehr interessant!
      Liebe Grüße aus Wiesbaden

      Tanja Bernsau

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