Die Abenteuer des kleinen Schmetterlingsfängers

Karl Spitzweg: Der Schmetterlingsfänger, 1840, Museum Wiesbaden

englisch_50x33Es ist diese leicht skurrile Anmutung, die vielen Spitzweg-Gemälden innewohnt, die auch den Schmetterlingsfänger auszeichnet. In einer Tropenlandschaft in gedeckten Braun-Grün-Tönen flattern im Vordergrund riesige blaue Schmetterlinge, die unwirklich erscheinen, fast wie von einem fremden Planeten. Weiter im Bildhintergrund steht der Jäger dieser zarten Insekten, lauernd in seinem weißen Gewand, in der linken Hand einen roten Regenschirm, das Schmetterlingsnetz in der rechten Hand erwartungsfroh nach vorne gerichtet. Die Spiegelung der Brille verwehrt den Eindruck in seine Augen. Auch diese entrückte Gestalt wirkt wie von einem fremden Stern. Trotz des kleinen Formats (es misst nur 31 x 25 cm) ein spannendes kleines Gemälde – mit nicht minder spannender Provenienz.

Es war dieses kleine Spitzweg-Gemälde, bei dem ich zum ersten Mal mit dem Thema NS-Beutekunst in Berührung kam. In einem Vortrag über die Kunst des 19. Jahrhunderts an der Uni Mainz wurde auch der „Schmetterlingsfänger“ gezeigt. Eine Wortmeldung aus dem Publikum lautete „Aber das ist doch Nazi-Beutekunst, die da in Wiesbaden lagert“. Und in der Tat hat das Spitzweg-Gemälde eine abenteuerliche Reise hinter sich.

Heute kann man das Kunstwerk im Museum Wiesbaden bewundern. Dort lagert es als „Dauerleihgabe des Bundes“, da der rechtmäßige Eigentümer nicht zu ermitteln ist. Aus diesem Grund ist es in der Lost-Art-Database unter der Nummer 219281 gelistet und auch in der Datenbank des Bundesamts für zentrale Dienste und offene Vermögensfragen (BADV)  als Fundmeldung aufgeführt.

Mü.-Karteikarten – Bestand BADV (Deutschland) < Münchener Nr.: 2241/1 Linz-Nr. (laut DB Sonderauftrag Linz): 187Zur Herkunft konnte durch die Provenienzforscher des Bundes bisher einiges herausgefunden werden: Das Werkverzeichnis von Siegfried Wichmann (2002) führt das Gemälde unter der Nr. 378 auf und zeigt eine Abbildung auf Seite 226. Dieser Quelle zufolge befand es sich von 1906 bis 1931 in der Sammlung von Max von Bleichert in Leipzig. Zuvor war es laut Versteigerungskatalog vom 09./10.02.1904 in der Kunsthandlung Bangel, Frankfurt am Main, unter der Bezeichnung „Der Professor auf der Schmetterlingsjagd“. Zu einem ungeklärten Zeitpunkt gelangte das Gemälde in die Kunsthandlung Karl Eysser, München. Wann genau es in seinen Besitz kam, ist nicht mehr ersichtlich, da die Geschäftsunterlagen vollständig beim Luftangriff auf München zerstört wurde. Er war jedoch ein besonderer Kenner der München-Düsseldorfer-Malerschule und handelte explizit mit Künstlern wie Spitzweg, Defregger oder Grützner. Möglicherweise befand sich der Schmetterlingsfänger schon geraume Zeit in seinem Besitz, eventuell bereits vor 1933. Eysser wiederum verkaufte es 1938 an die Galerie Almas, München, die das Bild an das Deutsche Reich verkaufte. Hinter der Angabe „Galerie Almas“ verbirgt sich die Münchner Kunsthändlerin Maria Almas-Dietrich, eine der bevorzugten Kunstagenten des Dritten Reichs. Auch sie verkaufte oder vermittelte Kunstwerke für Hitler für das Linzer Museumsprojekt, laut Koordinierungsstelle für Kulturgutverluste Magdeburg mindestens 270 Gemälde.

Es war vorgesehen für den Sonderauftrag Linz, für das Führermuseum Adolf Hitlers, der bekanntermaßen deutsche Künstler des 19. Jahrhunderts und vor allem Carl Spitzweg verehrte. Obwohl dieses Museumsprojekt nie realisiert wurde, erhielt der Schmetterlingsfänger die Linzer Inventarnummer  Linz 187. 

Nach Kriegsende kam der „Schmetterlingsfänger“ in den Central Collecting Point München, wo er die MUE-Nummer Mü2241/1 erhielt. Dort wurde Maria Almas-Dietrich 1945 von den Kunstschutzoffizieren der Monuments, Fine Arts und Archive Section zu ihren Geschäftspraktiken verhört. Auch Karl Eysser wurde 1951 von den Monuments Men vernommen.

Adolf Bleichert

Laut BADV liegen bislang keine Anhaltspunkte für einen NS-verfolgungsbedingten Vermögensverlust an diesem Gemälde vor. Noch nicht abschließend geklärt ist meiner Meinung nach der Besitzübergang zwischen Max von Bleichert und der Kunsthandlung von Karl Eysser. Max von Bleichert war der Sohn von Adolf von Bleichert, von dem er nach dessen Tod im Jahre 1901 – zusammen mit seinem Bruder Paul das Leipziger Unternehmen Adolf Bleichert & Co., Fabrik für Drahtseilbahnen übernahm. Die Brüder führten das Geschäft mit etlichen Tausend Mitarbeitern und mehreren Standorten erfolgreich weiter. Aufgrund der Weltwirtschaftskrise mussten sie aber 1932 Konkurs anmelden. In wesentlich geringerem Umfang wurde der Betrieb durch die Auffanggesellschaft Bleichert-Transportanlagen GmbH weitergeführt. Ob die Brüder von Bleichert hier noch eine Rolle spielten, ließ sich nicht ermitteln. Während des Krieges wurde die Fabrik für die Rüstungsindustrie genutzt.

Große Teile seiner Kunstsammlung musste Max von Bleichert beim Konkurs seiner Firma veräußern, vermutlich auch den Schmetterlingsfänger. Damit wäre ein NS-verfolgungsbedingter Entzug auszuschließen.

Somit gehört dieses Kunstwerk als Rechtsnachfolger des Dritten Reichs nun der Bundesrepublik Deutschland und kann weiterhin in einem öffentlichen Museum ausgestellt werden, so dass wir uns auch heute noch an dem merkwürdigen kleinen Mann mit dem leeren Blick auf der Suche nach einem exotischem Schmetterling erfreuen können.

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