Beutekunst im eigenen Land – Das Gastmahl des Plato für die Berliner Reichskanzlei

Anselm Feuerbach Das Gastmahl des Plato (erste Fassung), 1869 Öl/Leinwand, 295 x 598 cm  Karlsruhe, Staatliche Kunsthalle

Anselm Feuerbach
Das Gastmahl des Plato (erste Fassung), 1869
Öl/Leinwand, 295 x 598 cm
Karlsruhe, Staatliche Kunsthalle

Unzählige Kunstwerke wurden in der NS-Zeit aus den besetzten Ländern konfisziert, unter Preis angekauft oder auf anderen Wegen „erworben“. Diese Erwerbsstrategie machte aber auch vor deutschen Museen nicht halt – 1936 versuchte Hitler, ein Werk von Anselm Feuerbach aus der Kunsthalle Karlsruhe nach Berlin zu holen. Dabei hatte er allerdings die Rechnung ohne den findigen Direktor Kurt Martin gemacht.

Für den „Saalanbau“ – einen neu entstandenen Empfangssaal in der Berliner Reichskanzlei in der Wilhelmstr. 77 – waren Hitler und seine Innenausstatter auf der Suche nach einem Monumentalgemälde, dass der Funktion des Raumes (es sollte für Staatsbankette genutzt werden) gerecht wird. Aus dem Treppenhaus der Nationalgalerie Berlin hing das „Gastmahl des Plato“ von Anselm Feuerbach, einem von Hitlers bevorzugten Künstlern.

Dargestellt ist eine Rahmenhandlung aus Platos „Symposion“: der Sieger des Tragödienwettbewerbs aus dem Jahr 416 v.Chr., Agathon, hatte seine Freunde, darunter Sokrates, Aristophanes und Glaukon, in sein Haus zu einem Gastmahl geladen. Auf dem Höhepunkt des rauschenden Festes erscheint Alcibiades, um den Dichter mit einem Lorbeerkranz zu ehren.

Die bekannte Berliner Version war zu groß für den Saalanbau in der Reichskanzlei, dem ehemaligen Wohnsitz Bismarcks, aber es gab noch eine ältere Fassung dieses Werks in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe, die perfekt passte. Und so konfiszierte Hitler kurzerhand dieses Gemälde für seine Reichskanzlei. Ein herber Verlust für die Karlsruher Sammlung, wo das nahezu 3 x 6 m große Kunstwerke in einem eigens dafür geschaffenen Saal hing. Direktor Kurt Martin begleitete das Kunstwerk nach Berlin und betreute auch die Hängung. Hitler war begeistert darüber, wie gut sich dieses Gemälde in dem Saal machte. Martin musste dem zähneknirschend Recht geben, wagte aber doch einen letzten Rettungsversuch: Beiläufig erwähnte er, dass der Dargestellte zwar ein großartiger Feldherr, Redner und Gastgeber gewesen sei, aber – wie auch die anderen Teilnehmer des Gastmahls – die „Knabenliebe“ praktiziert habe. Hitler war entsetzt: Das Abbild von ausschweifendem Lebensstil und Homosexualität wollte er nicht in diesem wichtigen Raum hängen wissen – zu frisch waren die Erinnerungen an die „Affäre Röhm“, wo Ernst Röhm dies vorgeworfen wurde. Und so konnte Kurt Martin das Bild direkt wieder abhängen und mit nach Karlsruhe zurücknehmen.

 

 

Quelle: Birgit Schwarz: Geniewahn: Hitler und die Kunst, Wien, Köln, Weimar 2011

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s