Kunstwerke in Bewegung. Über die Mobilität von Kunst während des Zweiten Weltkriegs

Flyer AusschnittAuf der 5. Interdisziplinären Studierendentagung „Im Toten Winkel“, vom 24.-26. Oktober in Bamberg halte ich am Abend des 24. Oktober den Gastvortrag  zum Thema Kunstwerke in Bewegung. Über die Mobilität von Kunst während des Zweiten Weltkriegs. 

Wie kein anderer Krieg vorher zeichnet sich der Zweite Weltkrieg dadurch aus, dass er Europas Kunstwerke in Bewegung gebracht hat. Ausgehend mit den Nürnberger Rassegesetzen begann die Beschlagnahme von Kunstwerken jüdischer Mitbürger, die in den Handel gelangten oder von NS-Kunstliebhabern in ihre Privatsammlung aufgenommen wurden. Die Aktion „Entartete Kunst“, die 1938 in einer gleichnamigen Ausstellung öffentlichkeitswirksam inszeniert wurde, entzog den deutschen Museen kurz darauf Werke der heute „klassischen Moderne“ genannten Epoche, die wiederum zur Devisenbeschaffung in den internationalen Kunsthandel gelangte. Mit dem Einmarsch deutscher Truppen starteten wenig später auch die Beutekunstzüge in den besetzten Gebieten. Verschiedene deutsche Institutionen konkurrierten dabei um die „besten Stücke“ aus Österreich, Frankreich oder Holland: Der „Kunstschutz“ als Teil der Wehrmacht kümmerte sich um kriegsversehrte Architektur, aber auch um die Bestände an beweglichen Kulturgütern. Hitlers Kunstagenten erwarben Kunstwerke für das geplante Führermuseum in Linz, Göring schickte Kunsthändler, um für sein privates Museum Erwerbungen zu tätigen, der „Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg“, eigentlich auf der Suche nach jüdisch-rituellen Kulturgegenständen zur Untermauerung der Rassenideologie, war mit umfassenden Befugnissen für den Zugriff auf Kunstwerke ausgestattet. Mit fortschreitendem Kriegsverlauf wurden darüber hinaus noch die meisten musealen Kunstwerke aus den Städten heraus in sichere, meist unterirdische Depots gebracht. Gegen Ende des Kriegs war kaum ein Kunstwerk noch an dem Platz, an dem es sich 1933 befand.

Nach der Kapitulation sahen sich die Alliierten vor die Aufgabe gestellt, diese Kunstwerke wieder an ihre rechtmäßigen Eigentümer in Europa zurückzugeben. Während die sowjetischen Besatzer durch die eigens eingerichtete „Trophäenkommission“ aber zum weiteren Abtransport von Kunstwerken, diesmal nach Russland, beitrugen, richteten die amerikanischen Besatzer sogenannte Central Collecting Points (CCP) ein, in denen sie das aufgefundene Kunstgut zusammentrugen und auf ihre Eigentumsverhältnisse untersuchten. Eine dieser CCPs war in Wiesbaden eingerichtet und macht die Mobilität von Kunstwerken, die in der Zeit von 1933-45 stattgefunden hat, sehr deutlich: Eingerichtet in dem Gebäude des heutige Landesmuseums, das vor der NS-Zeit nur als Provinzmuseum gelten kann, waren dort nach 1945 hochklassige Kunstwerke aus den Berliner Museen eingelagert: von der ägyptischen Büste der Nofretete über Werke der Renaissance etwa von Mantegna oder Botticelli, Werke von Cranach, Dürer, Holbein, Manet, Rembrandt bis hin zu Werken des 19. Jahrhunderts wie Carl Spitzweg. Sie alle waren aus Berlin in ein thüringisches Salzbergwerk ausgelagert worden und fanden von dort ihren Weg nach Wiesbaden. Dazu kamen Kunstwerke u.a. aus der Sammlung der Mannheimer und der Mainzer Kunsthalle, des Kölner Wallraf-Richartz-Museum, der Ungarische Kronschatz, der Welfenschatz, aber auch zahlreiche Privatsammlungen, wie die des NS-Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt. Für kurze Zeit war das Museum Wiesbaden ein „Must-See“-Ausstellungsort, während die amerikanischen Kunstschutzoffiziere im Hintergrund bemüht waren, die Kunstwerke wieder an ihre rechtmäßigen Besitzer zurückzugeben, was ihnen auch zu einem großen Teil auch gelungen ist. Um die restlichen Kunstwerke kümmern sich heute die Mitarbeiter der Provenienzforschung.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s