Bern nimmt das Erbe Gurlitts an

Kunstmuseum Bern (c) Wikipedia

Kunstmuseum Bern (c) Wikipedia

englisch_50x33Heute wurde es bekannt gegeben: das Berner Museum tritt das schwere Erbe der Sammlung Gurlitt an – aber zu seinen Bedingungen. 

Das Museum wird nur die Kunstwerke annehmen, deren Provenienz eindeutig nicht mit Raubkunst in Verbindung zu bringen ist. Diese Kunstwerke sollen in Deutschland bleiben. Die Taskforce unter der Leitung von Ingeborg Bergreen-Merkel wird also weiterhin die Herkunft der Kunstwerke prüfen. Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) sicherte eine Rückgabe von Kunstwerken an mögliche Geschädigte zu. Die Bundesregierung übernimmt die Kosten für eventuelle Rechtsstreitigkeiten.  Erhärtet sich für das geprüfte Kunstwerk ein Raubkunstverdacht nicht bzw. wird über einen Restitutionsantrag abschlägig beschieden, geht das Bild in die Schweiz. In unklaren Fällen behält sich das Berner Museum die Entscheidung über eine Annahme vor. Es ist also noch viel Provenienzforschungsarbeit zu leisten. Dieser Vorgang kann  bei der Menge der Kunstwerke Jahre dauern.

Die 440 Werke der „Entarteten Kunst“, die sich in der Gurlittschen Sammlung befanden, sowie die Kunstwerke, die von Verwandten Hildebrand Gurlitts hergestellt wurden, gehen direkt nach Bern. Ebenso die Kunstwerke, die erst nach 1945 in die Sammlung integriert wurden, heißt es in Medienberichten. Das greift meiner Meinung nach zu kurz als Kriterium für eine geklärte Provenienz: Ein Kunstwerk, das etwa in den 1950er Jahren von Gurlitt erworben wurde, kann dennoch zuvor, während der NS-Zeit, verfolgungsbedingt entzogen worden sein – unabhängig davon, ob Gurlitt beim Erwerb davon Kenntnis hatte oder nicht. Hier könnte das Berner Museum sich weiteren Restitutionsanträgen gegenübersehen.

Insgesamt ist es jedoch zu begrüßen, dass die Kunstwerke nun in eine öffentliche Sammlung integriert werden und somit für die Allgemeinheit zugänglich sind. Zum einen handelt es sich um teils vergessene, lange nicht gesehene oder gar gänzlich unbekannte Kunstwerke großer Meister, die darauf warten (wieder)entdeckt zu werden. Zum anderen wird damit aber auch möglichen Geschädigten die Gelegenheit gegeben, diese Kunstwerke aufzufinden – das ist in einer geschlossenen, nicht publizierten Privatsammlung natürlich nicht möglich.

Wie sollte ein Museum mit möglicher Raubkunst in der eigenen Sammlung umgehen?

Mit der Washingtoner Erklärung haben sich die Museen der Unterzeichnerstaaten verpflichtet, ihre Sammlungen auf Raubkunst-Fälle zu untersuchen. Es soll transparent gemacht werden, wenn Kunstwerke im Verdacht stehen, während der NS-Zeit unrechtmäßig ihren Eigentümer abhandengekommen zu sein. Damit wird möglichen Geschädigten die Gelegenheit gegeben, ihr Kunstwerk zu erkennen und sich mit ihrem Restitutionsantrag an den heutigen Besitzer zu wenden.
Die Kunstwerke müssen dazu nicht zwingend separat ausgestellt werden, eine entsprechende Hervorhebung zum Beispiel auch auf der Website des Museums wäre da schon sehr hilfreich.
In Deutschland übernimmt etwa die Lostart-Database der Koordinierungsstelle für Kulturgutverluste die Funktion einer zentralen Datenbank: Jedes Museum meldet seine Ergebnisse der Provenienzforschungen an Lostart, Geschädigte können nach ihren Kunstwerken suchen.

Wie wird eine solche Sammlung den Charakter des Kunstmuseums verändern?

Im Fall Gurlitt ist es eine recht große Erbschaft, die das Museum Bern antritt. Allerdings sind die genauen Inhalte nicht bekannt, ein Großteil des Nachlasses sind graphische Arbeiten ganz unterschiedlicher Qualität. Hier wird es sich zeigen, wie sich das Gurlitt-Erbe in die bestehende Sammlung einpasst und wie viele Werke ohnehin dauerhaft ausgestellt werden können, sowohl aus inhaltlicher, kunsthistorischer Sicht, aber aus Gründen der Raumkapazität oder der Empfindlichkeit des Materials. Die Geschichte dieser Erbschaft wird das Museum sicherlich eine Weile beschäftigen und für eine gewisse Zeit in den Medienfokus rücken. Möglicherweise wird man – wenn nicht bereits geschehen – dort auch die bestehende Sammlung einer genaueren Provenienzforschung unterziehen. Zudem wird es dem Museum einen Besucher-Ansturm, zumindest in der ersten Zeit bescheren: viele sind neugierig, welche Kunstwerke denn genau in dieser Sammlungen waren, man hat ja immer nur die Highlights gesehen.

 

Der Fall Gurlitt zeigt, dass auch beinahe 70 Jahre nach Kriegsende die ungeklärten Besitzübergänge von Kunstwerken noch lange nicht alle aufgeklärt sind. Es ist durchaus denkbar, dass noch mehr Werke die Jahre in einer Privatsammlung überdauert haben – wenn auch sicherlich ein so großer Fund nicht mehr gemacht werden wird. Provenienzforschung ist jedoch ein Thema, dass in Museen und dem Kunsthandel noch eine ganze Weile von Bedeutung sein wird.

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