Lieber Parteigenosse Ettle!

englisch_50x33Viele Kunsthändler der NS-Zeit sind höchst ambivalent in ihrer Rolle, gleichermaßen Nutznießer und Opfer des Systems. Sie haben die Gelegenheit genutzt, mit den leicht verfügbaren Werken jüdischer Besitzer, der entarteten Kunst oder auch im Ausland geraubter Kunst gute Geschäfte zu machen. Gleichzeitig haben sie sich aber auch für die Geschädigten eingesetzt, verfolgte Künstler unterstützt, jüdische Mitarbeiter beschäftigt oder entartete Kunst vor der Zerstörung bewahrt. Der Frankfurter Kunsthändler Wilhelm Ettle hingegen war ein überzeugter Parteigänger.

Über Wilhelm Ettle ist bisher nur wenig bekannt. Nachdem er als Restaurator (1920-26 am Frankfurter Städel) und Kirchenmaler tätig war, wissen wir, dass er bereits 1926-31 eine Kunsthandlung in Frankfurt besessen hatte, die er aus wirtschaftlichen Gründen schließen musste. In den Anfängen der NS-Zeit sympathisierte er mit deren Gedankengut: 1929 wurde er Mitglied der SA, 1930 im Kampfbund für deutsche Kultur und 1932 trat er der NSDAP bei. 1936 unterzeichnete er seine Briefe als „Rottenführer“. Und durchweg stand er zu seiner Überzeugung, insbesondere im Hinblick auf den Antisemitismus.

Briefkopf 1935

Briefkopf 1935

Er arbeitete weiterhin als Maler – nicht immer erfolgreich. 1935 geriet er mit seinem Auftraggeber in Konflikt, weil er ein Führerbildnis nicht nach dessen Geschmack ausgeführt hatte (er schmückte es wohl mit nicht gewünschten Nebenfiguren, statt Hitler alleinig darzustellen). Auch führte er weiterhin Restaurierungsarbeiten durch, wie etwa im württembergischen Kloster Maulbronn oder im Frankfurter Karmeliterkloster.

1935 bewarb er sich bei der Stadt Frankfurt um eine Zulassung als Aktionator,  da – so sein Lebenslauf – sein wissenschaftliches Studium, seine reiche Erfahrungen auf allen Gebieten der Kunst, seine Fähigkeiten im Bestimmen,  Untersuchen und Bewerten von Kunstwerten, sowie seine praktische Tätigkeit in Museen und Kunsthandel ihn dazu befähigen. Auch sah er eine Chance für sich als Kunstversteigerer, da das „jüdische Geschäft Helbing auf die Dauer nicht bestehen kann“. Er ging ganz offensichtlich davon, dass Juden im deutschen Kunstbetrieb keine Zukunft haben werden. 1935 wurde er jedoch durch die Reichskammer der bildenden Künste als Auktionator abgelehnt.

Im Jahr darauf trat er erstmals wieder als Kunsthändler in Erscheinung. Er gelangte im Rahmen einer Nachlassache an ein Gemälde von Carl Trost „Entwaffung Konradins des letzten Hohenstaufers“, ein Werk der deutschen Romantik. Dies bot als Sachverständiger der Industrie- und Handelskammer dem Kieler Thaulow-Museum an:

Im nationalsozialistischen Staat ist man heute bedacht, Kunstwerke dahin zu führen, wo sie hingehören, das hat mich auch veranlasst, der Stadt Kiel dieses Werk eine Schleswig-Holsteinischen Künstlers anzubieten. (Schreiben von Wilhelm Ettle vom 24.02.1936 an die Direktion des Thaulow-Museums)

In der Folgezeit enthielt sein Briefkopf den Zusatz des IHK-Sachverständigen und Ettle nahm verstärkt Kontakt zu Sammlern und Händlern auf, um als Kunstberater tätig zu sein.

Briefkopf 1940

Briefkopf 1940

Gemeinsam mit seiner Frau Anni gründete er 1939 das Kunsthaus Ettle in Frankfurt. Bereits ein Jahr zuvor wurde er von der Oberfinanzdirektion Kassel ermächtigt, als „Sachverständiger für jüdisches Umzugsgut“ konfiszierte Kunstgegenstände zu bewerten. Sein Wirkungskreis erstreckte sich neben Frankfurt auch über Wiesbaden, Kassel, ganz Hessen, die Rheinpfalz und das Saargebiet. Mit dieser „staatswichtigen Aufgabe“ konnte sich Ettle in den Folgejahren vom Sanitätsdienst befreien, den er sonst in Frankfurt hätte antreten müssen. Sein Antrag von dieser Befreiung nennt ganz unverhohlen seine Aufgabe mit der „Erfassung von Kunstwerken aus jüdischem Besitz“, die „heute mehr den je intensiver betrieben“ werde. 1941-44 war er darüber hinaus ermächtigt, diese in seinem Hause zu versteigern. Er bewarb sich aktiv in Berlin um die Zuteilung von Aufträgen zur Verwertung jüdischer Kunstwerke und denunzierte sogar in der Gegend lebende jüdische Sammler, zum Beispiel die Familie des Barons Goldschmidt-Rothschild oder den Wiesbadener Sammler Max Israel Brings, um deren Nachlass zu verwerten. Aber auch für die Nationalsozialisten ging er in seiner Geschäftspraxis zu weit. 1941 wurde er vor der Gestapo verhaftet und wegen Bereicherung aus diesen Verkäufen angeklagt.

Einstweilige Verfügung vom 9. Januar 1942

1944 erhielt er sogar Berufsverbot.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Wilhelm Ettle wie auch seine Frau von den alliierten Kunstschutzoffizieren vernommen – umfangreiche Verhörprotokolle zum „Ettle-Case“ finden sich in den amerikanischen Archiven.

Einige Kunstwerke der Kunsthandlungen waren im Wiesbadener Central Collecting Point eingelagert, der sich damals bereits zahlreichen Restitutionsanträgen gegenüber sah.

Wilhelm Ettle wurde im April 1946 zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt. Nach seiner Haftentlassung war er jedoch wieder als Kunsthändler im Rhein-Main-Gebiet tätig. Welche Kunstwerke er danach versteigerte, ist bislang nicht dokumentiert.

Quellen und Literatur:
  • NARA M1947. Textual records created at the Wiesbaden Central Collecting Point include administrative files and monthly reports. Roll 76, Restitution, Research, And Reference Records, Ettle Case: Political Background
  • Eva Mongi-Vollmer, „Alltägliches Recht, alltägliches Unrecht“. Die Gemäldeerwerbungen des Städel 1933-1945. In: Museum im Widerspruch. Das Städel und der Nationalsozialismus“, hrsg. v. Uwe Fleckner u. Max Hollein (= Schriften der Forschungsstelle „Entartete Kunst“, 6), Berlin 2011, S. 181;
  • „Biographisches Verzeichnis“. In: Museum im Widerspruch. Das Städel und der Nationalsozialismus, S. 343f.
  • arthistoricum.net: German Sales 1901-1945, Auktionshäuser in Frankfurt am Main, http://www.arthistoricum.net/themen/portale/german-sales/auktionshaeuser-a-z/auktionshaeuser-deutschland-a-z/frankfurt-am-main/
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