Panta rei – Gedanken zum Jahreswechsel

Jürgen Nießen  / pixelio.de

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Panta rei – alles fließt. Nicht zuletzt wenn man sich mit Geschichte beschäftigt, wird einem bewusst, wie sehr alles im Fluss ist und sich kontinuierlich wandelt. Auch unser Geschichtsbild, unsere Wahrnehmung und Beurteilung von zeitlichen Abläufen in der Vergangenheit, verändert sich mit der Zeit. Dr. Bernd von Droste zu Hülshoff (UNESCO-Paris) charakterisiert deshalb auch die Hauptaufgabe des Kulturgüterschutzes mit Change Management, dem Umgang mit diesen Veränderungen. Warum ändert sich unser Geschichtsbild über die Zeit? Und wie sollten wir mit diesen Veränderungen umgehen? 

Menschen nehmen Historisches stets im Kontext ihrer eigenen Zeit wahr. Es gelten unterschiedliche Werte, Schwerpunkte in der Betrachtungsweise. Objektivität lässt sich kaum erreichen, auch wenn wir immer auf der Suche nach der einzigen Wahrheit sind. So entsteht mit jeder Generation ein neues, wieder subjektives Bild von einer bestimmten Epoche.

Detail des Parthenon in Athen. Rekonstruktionsversuch von Gottfried Semper (1836)

Auch in der Kunstgeschichte verändert sich die Wahrnehmung verschiedener Epochen über die Zeit. Deshalb sind wir heute sanft verwundert, wenn wir uns etwa die griechischen Tempel-Anlagen polychrom vorstellen sollen. Die „bunten Götter“ passen wenig zu unserem Bild der klassischen Antiken in ihrer schlichten Steinsichtigkeit. Wir kennen seit vielen Jahrzehnten die blanken Säulen, die unsere Wahrnehmung dieser Zeit geprägt haben. Noch heute gelten die griechischen oder römischen Skulpturen in ihrer „edlen Einfalt und stillen Größe“ (Winckelmann) als Inbegriff der Klassik und somit direktes Vorbild für die Kunst- und Bauwerke des Klassizismus gegen Ende des 18. Jahrhunderts. Damals hat man diese Geschichtsepoche in dieser schlichten Form wahrgenommen. Heute wissen wir es zwar besser: Wir wissen, dass viele Skulpturen und Bauwerke üppig farbig gefasst waren, aber unserer heutigen Wahrnehmung von der schlichten Schönheit dieser Kulturepoche hat dies keinen Abbruch getan. Aber vielleicht wird sich das irgendwann ändern.

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Bildquelle: Museen der Stadt Nürnberg

Und nur mit einem gewissen zeitlichen Abstand ist es möglich, dass wir heute Bauwerke des Nationalsozialismus als Architektur und als geschichtliche Hinterlassenschaften betrachten können, ohne direkt das Bedürfnis zu haben, sie als schandhafte NS-Bauwerke direkt zu zerstören. Das Nürnberger Reichsparteitags-Gelände ist ein Beispiel dafür. Natürlich ist es uns auch heute noch nicht möglich, völlig (vor)urteilsfrei an solche Bauwerke heranzutreten, aber wir können objektiver die architektonische Leistung bewerten, auch wenn uns die Gigantomanie des Dritten Reiches noch immer verstört.

Dieses sich wandelnde Geschichtsbild hat auch Einfluss auf die praktische Arbeit von Kunsthistorikern. Deshalb betreiben wir beispielsweise Provenienzforschung bei Kunstwerken, die in der NS-Zeit ihre Besitzer gewechselt haben, heute so viel intensiver als in den Jahrzehnten zuvor. Bereits in den 1980er Jahren lag der Tatbestand des „NS-verfolgungsbedingten Entzuges“ vor. Bereits in den 1960er Jahren hat es Geschädigte gegeben. Die Anlässe sind also nicht neu, ihre Ursprünge reichen mittlerweile 70 Jahre zurück. Lange Jahre hat es wenig Interesse seitens der Museen, des Kunsthandels oder der Politik gegeben, sich dieser Thematik anzunehmen. Viele Protagonisten von damals konnten nach 1945 weitermachen wie bisher, viele Kunsthändler der NS-Zeit waren weiter im Kunsthandel tätig. Erst heute werden die Fälle systematisch aufgerollt, weil das Unrechtsbewusstsein erwacht ist und wir diese Zeit und die darin begangenen Verbrechen anders beurteilen als die Generationen vor uns.

Aber genau das macht den Umgang mit Geschichte so spannend. Wer weiß, wie wir in 50 Jahren über diese Kunstwerke denken? Wer weiß wie wir in 50  Jahren über unsere heutige Zeit denken, die dann auch schon Geschichte ist?

 

Panta rei – alles fließt….. Ich wünsche ein wunderschönes Weihnachtsfest und einen guten Rutsch ins Neue Jahr!

Jürgen Nießen / pixelio.de

 

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3 Gedanken zu “Panta rei – Gedanken zum Jahreswechsel

  1. Liebe Tanja,
    ein sehr spannender, interesssanter Artikel, den ich sehr gerne gelesen habe.
    Ich absolviere gerade das Seminar „Theorie und Methode in den Geschichtswissenschaften“ und finde deine sehr treffend.
    Ich wünsche dir ebenso ein schönes Weihnachtsfest und einen guten Rutsch,
    Susanne

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  2. Pingback: Und wieder geht es um die Wahrheit – Zeichnung von Susanne Haun | Susanne Haun

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