Hitlers Favoriten: Deutsche Kunst, ausgestellt von den amerikanischen Besatzern

Carl_Spitzweg_-_Der_arme_Poet_(Neue_Pinakothek)

Carl Spitzweg: Der arme Poet, 1839, Neue Pinakothek (Bildquelle: Wikipedia)

Bereits während des Zweiten Weltkriegs formte sich eine anglo-amerikanische Kunstschutzorganisation, die es sich zur Aufgabe gemacht hatte, europäisches Kulturgut vor den Kriegseinwirkungen zu schützen. Die Geschichte dieser „Monuments Men“ wurde erst vor kurzem von George Clooney in einem Hollywoodfilm gewürdigt. Das Verdienst der Monuments Men hört aber mit Kriegsende nicht auf, im Gegenteil. All die von ihnen aufgefundenen Kunstwerke, die zum größten Teil kriegsbedingt in Salzbergwerken, unterirdischen Depots oder abgelegenen Schlössern ausgelagert waren, wurden von den Kunstschützern in sogenannte Central Collecting Points (CCPs) nach München, Wiesbaden, Marburg und Offenbach gebracht, wo man sie auf ihre Herkunft überprüfte und an ihre rechtmäßige Eigentümer zurückgab – sofern das möglich war.

Der Wiesbadener Collecting Point, der im Zentrum meiner Forschungen steht, beherbergte in der Zeit von 1945-1949 unzählige Kunstgegenstände aller Art: Gemälde, graphische Arbeiten, Skulpturen, Bücher, kostbare Möbel und Teppiche, Gold- und Silberarbeiten und vieles mehr – von deutschen Museen, aber auch aus Privatsammlungen stammend. Die Monuments Men nutzten diesen enormen Fundus, der auch viele Kunstwerke von Weltrang beherbergte, um daraus Ausstellungen zu arrangieren.

Unter den insgesamt zehn Ausstellungen, die während der Besatzungszeit stattfanden, ist die fünfte Ausstellung „Deutsche Malerei des 19. Jahrhunderts“ besonders hervorzuheben: Kunstwerke dieser Epoche waren während der NS-Zeit zu Propaganda-Zwecken genutzt worden und gehörten zu den Werken, die von den NS-Funktionären, vor allem aber von Adolf Hitler selbst hoch geschätzt waren. Die amerikanischen Kuratoren enthoben in der Ausstellung die Kunstwerke dieser Epoche ihrer nationalen, „deutsch-tümelnden“ Aura, wählten andere Sujets als das während der NS-Zeit üblich war, und zeigten auch teilweise andere Künstler. Gleichzeitig wurde Bewährtes beibehalten, aber in einen neuen Kontext gestellt, wie etwa bei dem von Hitler favorisierten Künstler Carl Spitzweg: Dort hoben die Kuratoren eine internationale Ausrichtung hervor, indem französische Einflüsse aufgezeigt wurden. In dieser Ausstellung lieferten die amerikanischen Kuratoren somit ein Stück weit Vergangenheitsbewältigung, was auch in der zeitgenössischen Presse positiv hervorgehoben wurde. Die Kunstwerke dieser Epoche wurden nicht aufgrund der Tatsache, dass sie während der NS-Zeit Propaganda-Mittel waren, abgelehnt, sondern in einem neuen Licht präsentiert. Dies ist umso bemerkenswerter, wenn man bedenkt, dass in den US-amerikanischen Sammlungen deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts eine bisher untergeordnete Rolle gespielt hatte, die Kuratoren also kaum Erfahrungen und Kenntnisse auf diesem Gebiet hatten.

Dabei bleibt die Frage zu stellen, inwiefern diese Ausstellung – und auch die anderen Ausstellungen der CCPs – mit dem Grundgedanken der Re-Education der deutschen Bevölkerung, der „Umerziehung zur Demokratie“, in Einklang zu bringen war. Da die amerikanischen Museen einen ausgeprägten edukativen Charakter haben und sich an eine breite Öffentlichkeit richten, wären auch die Ausstellungen in den CCPs und das damit verbundene Rahmenprogramm geeignet, der Bevölkerung einen freien, ‚demokratischen‘ Kunstkonsum nahezubringen. Diese Nutzung von Kunstausstellungen als Instrument der Re-Education war jedoch von den Besatzern nicht explizit vorgesehen, wenn auch die fünfte Ausstellung unbeabsichtigt diese Wirkung erzielte.

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