Bilder erzählen Geschichten

Bilder erzählen Geschichtenenglisch_50x33Ich werde häufig gefragt: Was ist eigentlich Provenienzforschung? Oder, tätigkeitsbezogen gefragt: Was genau macht eigentlich ein Provenienzforscher? Oder, sehr pragmatisch gedacht: Warum machst du das eigentlich?

Warum eigentlich Provenienzforschung?

Die letzte Frage lässt sich zumindest für mich sehr einfach beantworten: Weil es unendlich spannend ist. Provenienzforschung ist Detektivarbeit. Eine Suche nach kleinen Puzzlestücken, um der Wahrheit ein bisschen näher zu kommen. Das erfordert das akribische Suchen nach Details, die Recherche in Archiven, in Bibliotheken, am Objekt selbst und vieles mehr. Da kommt auch manchmal höchst Kurioses zu Tage.

Das Wort Provenienz kommt von lat. provenire „herkommen“ – Provenienzforscher sind auf der Suche nach der Herkunft der Bilder. Provenienz im kunstgeschichtlichen Bereich wird definiert als „Geschichte des Besitzwechsels eines Objekts, seiner verschiedenen Aufenthalte in namhaften Privatsammlungen“ (Jaquet (1962): Werte und Preise auf dem Weltmarkt neuzeitlicher Kunst, S 87). Die Provenienzforschung beschäftigt sich mit der möglichst lückenlosen Rekonstruktion der Eigentümerfolge und -verhältnisse, also mit Sammler- und Sammlungsgeschichte.

Jedes Bild, jedes Kunstwerk erzählt eine Geschichte, nicht nur die, die es selbst darstellt (etwa eine allegorische Szene), sondern auch durch seinen Weg durch die Geschichte. Wem hat es gehört? Wer hat es wann erworben, und wozu? In welchen Räumen hat es gehangen? Wo war es ausgestellt? Wer hat es gesehen, wer darüber geschrieben? Wem wurde es geschenkt und aus welchem Anlass? Auch das Objekt an sich leistet einen Beitrag dazu, Geschichte und Geschichten zu rekonstruieren. Als Provenienzforscher erforsche und erzähle ich diese Geschichten.

Provenienzforschung für Raub- und Beutekunst des Dritten Reichs

Eine besondere Bedeutung kommt der Provenienz von Kunstwerken zu, die in der NS-Zeit ihren Besitzer gewechselt haben.  – auch heute noch, beinahe 70 Jahre nach Kriegsende. Nicht zuletzt zeigt die aktuelle Debatte um den Fall Gurlitt, dass das Thema des NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturguts (NS-Raubkunst) bzw. kriegsbedingt verbrachten Kulturguts (Beutekunst) noch lange nicht abgeschlossen ist. Die Datenbank “Lost Art” der Koordinierungsstelle für Kulturgutverluste listet zahllose Suchmeldungen auf, Kunstwerke meist jüdischer Provenienz, die seit der NS-Zeit verschollen sind. Noch immer erwarten die Museen Rückforderungsanträge auf Kunstwerke, die den Eltern und Großeltern der Antragsteller in der NS-Zeit verfolgungsbedingt entzogen wurden. Die ehemaligen Eigentümer wurden zu Opfern des Holocausts, ihre Besitztümer kamen auf mehr oder weniger direkten Weg in Museen, in den Kunsthandel und in Privatsammlungen. Gleichzeitig gibt es bei “Lost Art” auch Fundmeldungen von Kunstwerken, von denen man zwar weiß, dass sie Raub- und Beutekunst sind, aber zu denen (noch) kein Erbe gefunden werden konnte.

Provenienzforschung für die Erwerbsumstände zwischen 1933 und 1945 hat lange Zeit keine Rolle in der deutschen, aber auch der internationalen Kunstlandschaft gespielt. Erst spät, mit der Washingtoner Erklärung im Jahr 1998, nahm man sich auf internationalem Parkett dieses Themas wieder an. Zunächst schleppend startete daraufhin die Provenienzforschung in Deutschland, indem einige wenige Stellen an den Museen etabliert wurden, finanziell gefördert durch Bundesmittel und zunehmend auch inhaltlich unterstützt durch etwa die „Koordinierungsstelle für Kulturgutverluste“ mit der Lost Art-Datenbank, der “Arbeitsstelle für Provenienzforschung” oder einzelnen Institutionen wie der “Forschungsstelle für Entartete Kunst” der FU Berlin.

Immer mehr Museen beschäftigen heute hauptamtliche Provenienzforscher, die für einzelne Sammlungsstücke prüfen, wann und wie sie in den Museumsbestand gelangt sind. So konnte es einzelnen Museen gelingen, zumindest einen Teil ihrer Sammlung hinsichtlich der Erwerbsumstände während der NS-Zeit zu untersuchen und auch schon zahlreiche Restitutionsfälle einzuleiten. Finanziell unterstützt werden dieser Projekte durch den Bund. Seit Anfang 2015 wird diese Unterstützung durch die Einrichtung des „Deutschen Zentrums für Kulturgutverluste“ – auch dies ein Ergebnis des öffentlichen Interesses am „Fall Gurlitt“.

Betroffen von diesem Thema sind die Museen, der Kunsthandel, private Sammler und die Erben der Geschädigten – und zwar weltweit, solange es sich um ein Kunstwerk handelt, das während der NS-Zeit in Deutschland gewesen ist. Und dies wird wohl auch noch geraume Zeit so bleiben, bis die alle Fälle geklärt sind, bis alle Geschichten erzählt sind.

Darin sehe ich meine Aufgabe: Mitzuhelfen, die Herkunftsgeschichte der Kunstwerke zu klären, die zwischen 1933 und 1945 ihren hauptsächlich jüdischen Eigentümern gestohlen worden. Diese Detektivarbeit ist meine Leidenschaft.

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