Liebermann durfte nicht mit nach Schweden

englisch_50x33NS-verfolgungsbedingter Entzug kann sich auf ganz unterschiedliche Weise abgespielt haben. Das Ausmaß des Zwangs, dem der einstige Kunstbesitzer ausgesetzt war, zeigt sich nicht immer gleich stark. Eindeutig sind die Fälle, in denen eine Enteignung stattgefunden hat, Kunstwerke also nachweislich (häufig durch Archivmaterial belegbar) dem Eigentümer entwendet wurden. Aber es gibt auch „leichtere“ Formen des verfolgungsbedingten Entzugs, die vor allem rückblickend nicht leicht zu beurteilen sind.

So scheiterte auch der jüdische Kaufmann und Kommerzienrat Gustav Gerst schon 1946 mit seinem Rückforderungsantrag an die Alliierten. Gerst war Gesellschafter der H. & C. Tietz und hatte die Filiale in Frankfurt am Main geleitet. Damit – und sicherlich auch durch seine Frau Ella, geborene Tietz – war Gustav Gerst zu Wohlstand gekommen und besaß nicht nur Grundbesitz in Frankfurt (sein Haus war in der Niederräder Landstr. 10), sondern auch in Bamberg.Gerst galt als wichtiger Sponsor für den Bau des Goetheturms in Frankfurt, den er mit 28.000 Reichsmark unterstützte. Im Jahre 1933 betrug sein Vermögen 18.185.000 M – so sein Rechtsanwalt, der ihn nach dem Krieg bei seinen Rückforderungsanfragen unterstützte. Aufgrund seiner jüdischen Abstammung wurde für ihn nach 1933 das Leben und Arbeiten in Deutschland schwer. Seine Position und Anteile bei Tietz verlor er, bereits seit Oktober 1935 gab er seine Kunstsammlung beim Frankfurter Kunsthändler Julius Hahn zum Verkauf. Die meisten Werke seiner Sammlung wurden von den Frankfurter Kunsthändlern jedoch als minderwertig abgelehnt. Lediglich ein Liebermanngemälde, das Gerst 1919 für 8.000 Mark erworben hatte, wurde für 800 Mark verkauft. Gerst emigierte mit seiner Frau 1939 nach Schweden (Göteborg). Von dort aus forderte er nach dem Krieg mit Hilfe der Züricher Anwaltskanzlei Fides bei den Alliierten die Rückgabe seiner Sammlung, wobei er die wertvollsten Werke benennt:

  • Rubens „Zorn des Achilles“, gehörte vorher zur Sammlung Karven
  • Liebermann „Monte Pincio“, gekauft 1919, datiert 1912
  • Reynolds „Die Heilige Familie“ – eine kleinere Kopie befinde sich in der National Gallery in London
  • Spitzweg „Rückkehr vom Heurigen“
  • Lessing „Landschaft“

Die Alliierten befragten darauf hin besagten Kunsthändler Julius Hahn, der sich nur an den Verkauf des Liebermanns erinnerte und auch angab, dass die Kunstsammlung bei Frankfurter Museen nicht bekannt gewesen sei – was die niedrige Qualität betonen sollte. Befragt wurde ebenfalls die Spedition Delliehausen, die bestätigte, dass sie zwar Güter aus der Niederräder Landstraße zu einem Haus im Keltenhofweg gebracht hatten, dies aber nicht im Rahmen einer Konfiszierung, sondern im Auftrage Gersts geschah. Die Alliierten sahen es also als erwiesen an, dass Gerst seine Kunstsammlung freiwillig, ohne Mitwirkung der Nazi-Herrschaft verkaufte, und entschied abschlägig über das Rückgabeersuchen, zumal über den Verbleib der Werke nichts bekannt war (in den Collection Points waren sie nicht eingelagert). Unberücksichtigt blieb die Tatsache, dass Gerst den Verkauf zwar ohne direkten Zwang einleitete, aber dieser ohne den vorherigen Verlust seines Berufs und seines Vermögens und der bevorstehenden Emigration nicht nötig gewesen wäre. Zu dem scheint es bei dem Liebermann einen erheblichen Wertverlust gegeben zu haben, den Gerst unter normalen Umständen sicherlich nicht hingenommen hätte.

Liebermann: Korso auf dem Monte Pincio 1912

Liebermann: Korso auf dem Monte Pincio 1912

Die Familie emigrierte von Göteborg aus weiter in die USA, wo Gustav Gerst bereits 1946 verstarb. Ob es weitere Versuche der Rückforderung gegeben hat, lässt sich leider nicht sagen. Von den Gemälden sind wenig Informationen überliefert, so dass eine Zuordnung schwer ist. Lediglich das Liebermann-Gemälde tauchte vermutlich 1992 noch mal bei einer Auktion im Kunstsalon Franke, Köln auf (ohne Provenienzangabe). Leider verliert sich danach die Spur.

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