Marzella: Ein Werk des Brücke-Expressionismus in Stockholm

Zu den Motiven, die von  den Brücke-Künstlern wie Ernst Ludwig Kirchner gerne und wiederholt gemalt wurde, gehört das junge Mädchen „Marzella“. Eine Version davon befindet sich heute im Moderna Museet, Stockholm. Das Werk eines Künstlers, der in der NS-Zeit als „entartet“ galt, hat eine bewegte Geschichte.

Marzella, von Ernst-Ludwig-Kirchner

Ernst Ludwig Kirchner (1880-1938)
Marzella (1909-1910),
Öl auf Leinwand, 76 x 60 cm,
Moderna Museet Stockholm, NM 6072 (Bildquelle: Wikipedia)

Das Gemälde

Das hochrechteckige Gemälde zeigt in Frontalansicht ein unbekleidetes junges Mädchen in einem nur angedeuteten Innenraum. Sie sitzt mit übereinandergeschlagenen Beinen auf einem blau-schwarz gestreiften Kissen oder einer Decke, die Arme im Schoss übereinander gelegt. Ihre dunklen Haare werden nur durch eine auffällige weiße Schleife zusammengehalten und fallen ihr über die Schultern. Das helle Inkarnat in dem dreieckig geformten Gesicht wirkt maskenhaft, die kühlen Töne heben sich deutlich von dem warmen Gelbton des Hintergrundes ab. Mit harten Konturen in Schwarz, rot und grün hebt Kirchner sein Modell zusätzlich von seiner Umgebung ab. Der Gesichtsausdruck mit den dunklen Augen wirkt ausdruckslos erstarrt. Die sinnlichen roten Lippen und die geschminkt wirkende Augen stehen im krassen Gegensatz zu dem mädchenhaft unentwickelten, aber nackten Körper und der kindlichen Schleife im Haar.

Dieses Kunstwerk entstand in den Jahren 1909/1910, etwa 4-5 Jahre nach Gründung der Künstlergruppe „Die Brücke“.

Über den Künstler und seine Bedeutung für die Provenienzforschung

Ernst Ludwig Kirchner gehörte zu den Gründungsmitgliedern der Brücke. Wie viele andere Künstler expressionistischer Stilrichtungen war seine künstlerische Karriere mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten massiv bedroht. 1933 wurde er aus der Akademie der Bildenden Künste Berlin ausgeschlossen. 1935 wurden Werke von Kirchner in der Schreckenskammer der Kunst in Dresden ausgestellt, 1937 dann auch 25 seiner Gemälde in der berühmten Femeausstellung Entartete Kunst in München. Insgesamt wurden 639 seiner Kunstwerke beschlagnahmt. 1938 beging er im Schweizer Exil Selbstmord.

Der Künstlername Kirchner führt durch seine Zurechnung zu den Malern der Entarteten Kunst zu einem besonderen Augenmerk in der Provenienzforschung. Insgesamt wurden 766 Kunstwerke von Ernst Ludwig Kirchner im Rahmen der Beschlagnahmeaktion aus öffentlichen Sammlungen entfernt. Darunter befindet sich auch das mit der hier vorgestellten „Marzella“ eng verwandte Bild „Artistin (Marcella)“ aus dem Jahr 1910, das im Kunstverein Jena beschlagnahmt wurde und sich heute im Berliner Brückemuseum befindet:

Marzella, Artistin, Ernst Ludwig Kirchner

Ernst Ludwig Kirchner: Artistin (Marcella), ursprünglich Jena Kunstverein, EK-Inventarnummer 13904 (Bildquelle: Wikipedia)

In der Vergangenheit hat es etliche Restitutionsfälle gegeben, in denen Werke des Künstlers betroffen waren, wenngleich auch die Ausgangslage nicht über einen Kamm zu scheren ist. Beispielhaft sei die Rückgabe der „Berliner Straßenszene“ aus dem Jahr 1913 zu nennen.

Provenienz der „Marzella“

Mehrere Vorbesitzer lassen sich vor dem heutigen Besitzer, das Stockholmer Moderna Museet, für dieses Gemälde feststellen:

Provenienz der Marzella (Eigene Darstellung)

Provenienz der Marzella (Eigene Darstellung) (Klick vergrößert die Darstellung)

Wie die Grafik zeigt, gibt es noch einige Fragezeichen in dieser Herkunftsgeschichte. Unklar ist vor allem Besitzübergang zwischen der Sammlung Gräf und der Sammlung Müller-Wulckows.

1. Sammlung Gräf, Wiesbaden

Über die frühe Zeit der „Marzella“ nach ihrer Entstehung ist wenig bekannt. Im September 1910 war sie bei einer Ausstellung der Künstlergemeinschaft in der Dresdner Galerie Arnold zu sehen, wie auch auf einem Foto zu sehen ist (links neben der Tür):

Ausstellung der Künstlergemeinschaft Brücke in der Galerie Arnold, Dresden, September 1910 (Bildquelle: Wikipedia)

Ausstellung der Künstlergemeinschaft Brücke in der Galerie Arnold, Dresden, September 1910 (Bildquelle: Wikipedia)

Die Galerie Ernst Arnold, damals in der Schlossstr. 34 ansässig, war bereits seit 1818 tätig, und leistete im frühen 20. Jahrhundert Pionierarbeit für die Künstler der „Brücke“, aber auch anderer Künstler der sogenannten klassischen Moderne. Denkbar ist, dass die „Marzella“ ihren ersten Käufer auf dieser Ausstellung gefunden hatte.

Das Werkverzeichnis von Gordon aus dem Jahre 1968 nennt für die Katalognummer 113, die „Marzella“ von Ernst Ludwig Kirchner, als ersten Besitzer die „Sammlung Gräf, Wiesbaden“. Eventuell handelt es sich bei der Provenienzangabe um den Kunsthändler und Kirchner-Kenner Botho Graef, dem auch die „Artistin“ (vgl. Abbildung  weiter oben) gehörte, bevor sie der Jenaer Kunstverein erbte (heute im Brücke-Museum Berlin). Allerdings ist dieser Botho Graef bislang nicht mit der Stadt Wiesbaden in Verbindung zu bringen.

2. Dr. Müller-Wulckow, Oldenburg

Walter Müller-Wulckow, ca. 1950, Marta Hoepffner (Bildquelle: Wikipedia)

Walter Müller-Wulckow, ca. 1950, Marta Hoepffner (Bildquelle: Wikipedia)

Walter Lothar Müller-Wulckow war deutscher Kunsthistoriker, Publizist und Gründungsdirektor des Landesmuseums für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg (18.03.1886 in Breslau – 18.08.1964 in Oldenburg (Oldenburg)). Aufgewachsen unter dem Namen „Müller-Dienst“ in Dresden und Frankfurt/Main, studierte er Kunstgeschichte, Archäologie und Philosophie in Heidelberg, Berlin, München und Straßburg. Nach seiner Heirat 1907 führte er den Namen „Müller-Wulckow“. Er promovierte bei Georg Dehio im Jahr 1911 mit einer Arbeit über den Bildaufbau deutscher Grafik im Spätmittelalter. Er erbte 1910 einen beträchtlichen Geldbetrag, den er unter anderem dazu nutzte, zeitgenössische Kunst zu erwerben, darunter auch Werke von Ernst Ludwig Kirchner.
1917-19 war er als Assistenz am Frankfurter Städelschen Kunstinstitut tätig und begründete die „Frankfurter Vereinigung für Neue Kunst“. Als Autor für diverse Fachzeitschriften und die Frankfurter Allgemeine Zeitung war er ein wichtiges Sprachrohr für die Verbreitung der Moderne in Deutschland.
Ab 1921 war Müller-Wulckow Direktor des Oldenburger Landesgewerbemuseum. 1923 entstand daraus das Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg, das Müller-Wulckow die erneute Gelegenheit gab, sich mit zeitgenössischen Künstlern, nun verstärkt aus dem norddeutschen Raum, auseinanderzusetzen.
Dieser Einsatz für die Moderne führte dann auch bereits 1932 beinahe zu seiner Entlassung als Museumsdirektor, da in Oldenburg die Nationalsozialisten bereits an der Macht waren. Müller-Wulckow selbst war durchaus für die NS-Ideen, allerdings war sein Kunstverständnis nicht mit dem der NS-Kulturverantwortlichen in Einklang zu bringen. Die Beschlagnahme-Aktion „Entartete Kunst“ war ihm ein Gräuel. 103 Kunstwerke sollten aus dem Oldenburger Museum beschlagnahmt werden, Müller-Wulckow konnte dies zumindest für einige Werke durch ein „Inventarisierungswirrwarr“ verhindern. Nach 1945 wurde er als nicht-vorbelastet eingestuft (vor allem durch seinen Einsatz für die Moderne) und konnte seinen Dienst als Museumsdirektor fortsetzen.

Müller-Wulckow starb 1964. Vermutlich zu diesem Zeitpunkt gelangte dieses Kunstwerk in den Kunsthandel und damit an Folgebesitzer Graf von der Goltz. Eine Kirchner-Monographie aus dem Jahr 1958 nennt als Besitzer „Kunsthalle Bremen , Leihgabe aus Privatbesitz“ – möglicherweise hat Müller-Wulckow das Gemälde in der Kunsthalle ausgestellt. Noch im Jahr 1960 wurde die „Marzella“ in Düsseldorf ausgestellt, dort wird als Provenienzangabe „Privatbesitz Oldenburg“ angegeben, womit vermutlich ebenfalls Müller-Wulckow gemeint ist.

Fraglich ist, wann das Kunstwerk in den Besitz von Müller-Wulckow gekommen ist.  Es ist nicht ausgeschlossen, dass es zwischen der Sammlung Gräf und der Sammlung Müller-Wulckow noch einen weiteren Eigentümer gegeben hat. Dieser Frage werde ich noch weiter nachgehen.

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4 Gedanken zu “Marzella: Ein Werk des Brücke-Expressionismus in Stockholm

  1. Liebe Frau Bernsau,
    seit längerer Zeit verfolgen wir Ihre Provenienzforschung mit großem Interesse, denn auch bei der Rahmenrecherche ist der Besitzerwechsel eines Werks nicht unerheblich. Nicht selten wurden Rahmen von Sammlern in Auftrag gegeben oder ausgetauscht und daher sind vor allem Korrespondenzen zwischen Künstlern und Sammlern und Fotografien von frühen Ausstellungen und Privaträumen für unsere Recherchearbeit immens wichtig.
    Der Rahmen, der sich noch heute um Kirchners Gemälde „Marcella“ befindet, weist eine typische Kirchner-Profilierung und -Fassung auf und bei unseren Nachforschungen konnten wir feststellen, dass das Gemälde nicht nur 1910 bei der Ausstellung in der Galerie Arnold bereits einen solchen Rahmen trug, sondern auch in den Räumen seines Erstbesitzers Walter Müller-Wulckow. Dieser hatte das Gemälde im September 1918 vom Kunstsalon Ludwig Schames erstanden (vgl. Rechnung aus dem Nachlass Müller-Wulckow im Besitz des Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg). Bevor Müller-Wulckow von Frankfurt nach Oldenburg übersiedelte ließ er seine Wohnräume außerdem fotografisch festhalten und auf den Aufnahmen erkennt man deutlich Kirchners „Marcella“ im originalen Künstlerrahmen (Abb. in: Expressionismus im Rhein-Main-Gebiet, Hrsg. Museum Gersch, Frankfurt am Main 2011).
    Wir hoffen wir konnten mit unseren Rechercheergebnissen ein Teilchen zum Provenienz-Puzzle „Marcella“ beitragen und freuen uns auf Ihren nächsten Beitrag!

    Marei Döhring, WERNER MURRER RAHMEN

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