Henri Nannen und die Rosenkranz-Madonna

Tillmann Riemenschneider: Madonna im Rosenkranz, 1524, Volkach, Wallfahrtskirche "Maria im Weingarten" (Bildquelle: Wikipedia)

Tillmann Riemenschneider: Madonna im Rosenkranz, 1524, Volkach, Wallfahrtskirche „Maria im Weingarten“
(Bildquelle: Wikipedia)

Manchmal wirkt ein Fall auf den ersten Blick ganz unspektulär, wie der Raub der Riemenschneider-Madonna aus dem fränkischen Volkach. In der Wallfahrtskirche hing dort seit dem frühen 16. Jahrhundert eine Schnitzarbeit des Tilmann Riemenschneider – bis in der Nacht des 6. August 1962 Diebe dieses Kunstwerk und zwei weitere wertvolle Stücke aus der Kirche raubten. Bei der Größe des Kunstwerks – die Madonna brachte stattliche 3 Zentner auf die Waage – ging dies leider nur, in dem die Diebe sie in mehrere Teile zerbrachen. Wieder daheim mit dem Diebesgut merkten die Schurken jedoch, dass sie hier ein praktisch unverkäufliches Exponat ergattert hatten. Aus Angst vor der Entdeckung vergruben sie die Madonna im mütterlichen Garten.

Als man am nächsten Morgen den Diebstahl bemerkte, schaltete man die Kripo Würzburg ein, die aber keine heiße Spur verfolgen konnte. Als positives Ergebnis des Kunstraubs kann man jedoch feststellen, dass nun der Wert dieser Gegenstands – lange Jahre wenig beachtet – nun erkannt wurde.

Und nun kommt Henri Nannen ins Spiel.

Wer war Henri Nannen? Studierter Kunsthistoriker, Sohn eines Polizisten, und Begründer des „Sterns“(1948) und von 1949 bis 1980 dessen Chefredakteur.  Nannen war schon damals für seine kontroversen Reportagen bekannt und er tut nun etwas Ungewöhnliches:  per Anzeige in verschiedenen Anzeigen lobte er ein Lösegeld von 100.000 DM aus und versprach den Dieben, nicht die Polizei einzuschalten. Dieses Versprechen brachte ihm gemischte Reaktionen in der Presse ein. Die Wochenzeitung „Die Zeit“ etwa fragte „Heiligt die Andacht vor der Kunst ein Ehrenwort an Ganoven?“

Er kündigte einen Artikel über die Madonna an, der auch am 19.08.1962 erschien, zunächst noch ohne Hinweis auf den Diebstahl. Das kommt in der Ausgabe darauf – die Verkaufszahlen stiegen gewaltig. Schon kurz darauf findet man, beklebt mit den Stern-Seiten des zweiten Artikels, zwei Stücke des Diebstahls, vor dem Frankfurter Dom abgelegt – die Ware war zu heiß geworden (eventuell wurden die Stücke von einem Kunsthändler, der die Werke bereits gekauft hatte, dort abgelegt).

Aber die Diebe rührten sich in den nächsten Wochen nicht. Nannen wiederholte deshalb sein Angebot an die Täter im „Stern“. Ohne Erfolg – wenn man die wiederum steigende Auflage außen vor lässt. Unter der Überschrift „Letzte Frist“ forderte Nannen die Täter in der „Stern“-Ausgabe vom 9. September 1962 ultimativ auf, sich bis zum Monatsende auf das Tauschangebot gegen 100.000 DM zu melden. „Danach allerdings werden wir nicht zögern, den gleichen Betrag auf eine sehr wirksame Weise für die Ergreifung der Täter einzusetzen“ – aus dem angebotenen Lösegeld wird eine Bedrohung.

Nun wird es den Tätern doch zu heiß. Einer von ihnen, Lothar Geheb, meldet sich kurz darauf bei der Stern-Redaktion und vereinbarte die Übergabe-Modalitäten. Wenige Tage später hatte Nannen, wie geplant, die Rosenkranz-Madonna in seinem Besitz. Er hielt sich an sein gegebenes Versprechen und schaltete zunächst nicht die Polizei ein. Die Madonna erhielt im Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege in München eine umfangreiche Restauration und kehrte schließlich zurück nach Volkach. Dort ist sie heute durch eine Alarmanlage gesichert.

Und die Diebe? Kamen zunächst tatsächlich  wie geplant ungeschoren davon. Aber schon wenige Jahre später prahlte einer von ihnen im angeheiterten Zustand von seiner Tat. Sie wurden verhaftet und schließlich auch verhört – erneut ein Artikel für den Stern.

Der „Stern“ hatte zwar 100.00 für das Lösegeld ausgegeben, aber gleichzeitig auch seine Auflage steigern können – und überaus öffentlichkeitswirksam agiert. Ein Skandal, Lösegeld für einen Kunstraub anzubieten!

Und Nannen?

Im Prozess hatte Nannen als Zeuge bekräftigt: „Es ging mir allein darum, die Kunstwerke vor der Vernichtung zu retten. Ich möchte nachdrücklich betonen, daß man sein einmal gegebenes Wort auch gegenüber Verbrechern halten muss. Das haben sogar Moraltheologen festgestellt.“

Dennoch hatte man gegen ihn eine Strafanzeige wegen Begünstigung gestellt. Man befürchtete, dass mit diesem Vorfall ein neue Chance der Verbrechensbegehung eröffnet wird: Diebe unverkäuflicher Kunstwerke hoffen auf die Auslobung eines solchen Lösegelds, um Geld zu zahlen, damit das Werk nicht zerstört oder beschädigt wird, und um ihnen zur Flucht zu verhelfen. Die Strafanzeige wurde jedoch eingestellt, da es Nannen in erster Linie um die Wiederbeschaffung des Kunstwerkes gegangen sei und es nicht im Vordergrund stand, den Tätern die Vorteile der Tat zu sichern.

Eine frühe Form des Artnapping, auch wenn die Lösegeld-Zahlung den Dieben erst noch schmackhaft gemacht werden musste.

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