„Er hatte so gar nichts Militärisches an sich“ – Spurensuche nach Walker Hancock in Marburg

IMG_8569Am Freitag konnte ich die Gelegenheit wahrnehmen, mit den Studenten aus meiner Lehrveranstaltung an der Uni Gießen einen Ausflug ins benachbarte Marburg zu machen, um dort die Gebäude des ehemaligen Central Collecting Points zu besichtigen. Möglich gemacht wurde dies durch Marco Rasch, zurzeit tätig im Archiv der deutschen Jugendbewegung auf der Burg Ludwigstein, einer Außenstelle des Marburger Staatsarchivs, und einer der wenigen Menschen, der mit der Geschichte der Marburger Kunstsammelstelle vertraut ist. Weiterlesen

Wahre Helden – die echten Monuments Men

Filmplakat

Am Wochenende wird auf der Berlinale „Monuments Men“ vorgestellt.  George Clooneys lässt dabei fiktive Charaktere als Kunstschutzoffiziere auftreten, von denen sich einige aber auf reale Vorbilder zurückführen lassen. Wer waren die echten Monuments Men? Waren es wirklich die romatischen Schatzsucher, Kriegshelden auf einem einmaligen Abenteuer?

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Der Bildhauer: Walker Hancock

Walcker Hancock John Goodman spielt in den „Monuments Men“ den Bildhauer Walter Garfield. Diese Figur scheint mir auf der realen Person Walker Hancock zu beruhen, ebenfalls Bildhauer und als einer der ersten Kunstschutzoffiziere in Europa

Walker K. Hancock (1901-1998) studierte Bildhauerkunst an der Pennsylvania Academy of Fine Arts in Philadelphia. Er erhielt ein Stipendium an der American Academy in Rom, wo er von 1925-1928 seine Studien fortsetzte. Zurück in den Vereinigten Staaten wurde er 1928 zum Leiter der Bildhauer-Abteilung der Pennsylvania Academy of Fine Art ernannt.

Er trat 1942 in die Army ein (Medical Corps), wurde aber bald zum Nachrichtendienst versetzt. Nach einer Beförderung zum Lieutenant gelangte er ins Pentagon und wurde dort zum Captain befördert. Dort hörte er das erste Mal von der „Monuments, Fine Arts & Archives Section“ und bemühte sich um eine Aufnahme in die Gruppe der Kunstschutzoffiziere.

1943 wurde er nach England versetzt, wo er mit anderen MFA&A-Offizieren an den Handbüchern mit schützenswürdigen Kunstwerken arbeitete, die bei der Invasion zum Einsatz kommen sollten. Gemeinsam mit Bancel LaFarge arbeitete er am „French Handbook“, das insbesondere die Baudenkmäler Frankreichs auflistete, die bei militärischen Operationen berücksichtigt werden sollten.

Nach D-Day sandte man Hancock nach Paris, wo er mit einem kleinen Team aus Kunstschutzoffizieren Richtung Deutschland zog, um die Auslagerungsstätten aufzufinden und die dort gelagerten Kunstwerke sicherzustellen. Unter anderem entdeckte er die Kupfermine von Siegen, wo er die Kunstwerke aus dem Aachener Domschatz Karls des Großen auffand. Auch bei der Auffindung der Mine in Bernterode war Hancock beteiligt.

Capt. Walker Hancock (2. von links); 3. Lt. Lamont Moore; 4. Cmdr. George Stout, USNR; (c) Archives or American Art

Die in Siegen gefundenen Kunstwerke brachten die Monuments Men nach Marburg, wo ein Central Collecting Point unter Hancocks Leitung den modernen Gebäuden des Staatsarchivs an der Marburger Universität eingerichtet wurde. Dieses Gebäude hatte zwar auch unter den Bombenabwürfen gelitten, aber es war vor dem Krieg das zweitgrößte Archivgebäude in Deutschland und feuerfest. Dort wurden unter der Leitung von Captain Walker Hancock insgesamt 3.457 Kunstwerke gelagert und betreut.

Hancock sah sich vor die schwierige Aufgabe gestellt, das Gebäude des Staatsarchivs soweit wiederherzustellen, dass es Kunstwerke beherbergen konnte. Trotz kriegsbedingter Knappheit an Materialien wie Fensterglas und geeignetem Personal gelang es Hancock innerhalb von einer Woche nach der ersten Inaugenscheinnahme des Gebäudes soweit ausreichende Wiederherstellungsmaßnahmen durchzuführen, dass die erste Lieferung von Kunstgegenständen aus Siegen eintreffen und verwahrt werden konnte. Die in Marburg eingelagerten Kunstwerke waren ausschließlich aus deutschem Besitz. 766 Kunstgegenstände (Gemälde, Skulpturen und Dekorative Kunst) aus dem Rheinland, die in der Kupfermine in Siegen aufgefunden worden waren, fanden ihren Weg nach Marburg. Auch der Kathedralschatz von Aachen wurde nach seinem Auffinden in diesen CCP transportiert.

Walker Hancock bereiste die umliegenden Auslagerungsstätten und verbrachte die meisten der dort aufgefundenen Inhalte nach Marburg. Eine Ausnahme stellt dabei der Fund aus Bad Wildungen dar. In den beiden Bunkern fand das Aufklärungsteam um Walker Hancock so günstige Lagerungsbedingungen vor, dass sie beschlossen, die dort vorhandenen Kunstgegenstände vor Ort zu belassen.

Der Marburger CCP beendete seine Tätigkeit bereits am 19. August 1946 mit der feierlichen Überführung der Leichname von Friedrich dem Großen, Friedrich Wilhelm I. von Preußen sowie von Reichspräsident Paul von Hindenburg und seiner Frau in die Marburger Elisabethkirche, wo sie nach kriegsbedingter Auslagerung in der Salzmine ihre letzte Ruhestätte fanden.

Gegen Ende des Jahres 1945 endete sein Militärdienst in Europa und Hancock kehrte nach Philadelphia zurück, wo er seine Arbeit an der Pennsylvania Academy of Fine Art  bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1967 fortsetzte. Wie viele seiner Monuments-Men-Kollegen veröffentlichte Hancock nach seiner Rückkehr in die Vereinigten Staaten seine Kriegserlebnisse im College Art Journal („Experiences of A Monuments Officer in Germany“) im Mai 1946. Zahlreiche seiner Skulpturen finden sich in  amerikanischen Sammlungen und in öffentlichen Gebäuden. Er starb 1998 in Gloucester, Massachusetts.

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Der Praktiker: George Stout

George Stout

Eine der Hauptfiguren des Films spielt Clooney selbst: Den Kunstschutzoffizier George Stout. George L. Stout (*1897, †1978) diente als junger Mann der US-amerikanischen Armee bereits im Ersten Weltkrieg. Er studierte nach dem Krieg an der Harvard Universität und erhielt dort im Jahre 1928 seinen Masterabschluss. Seit 1933 war er der Leiter der Restaurierungs-Abteilung am Fogg Art Museum (Harvard) und ein anerkannter Experte für Konservierungstechniken. Auf seine Initiative hin entstand ein Flugblatt für die amerikanischen Museumsverantwortlichen, das ihnen für die Evakuierung der eigenen Museen wichtige Hilfestellungen geben sollte. Die ersten Gedanken zum Kulturgüterschutz betrafen also noch nicht das europäische Kulturerbe, sondern galten der Sicherheit der eigenen Kunstsammlungen in den Vereinigten Staaten, wobei man die Überlegung anstellte, Museumsbestände in Depots auszulagern, wie es die europäischen Museen seit Kriegsbeginn taten. Zusammen mit Kollegen der Harvard University half Stout die American Defense Harvard Group zu gründen, die später die Roberts Commission initiieren sollte.

Stout hegte eine tiefe Ablehnung gegen den wenig praktischen und damit in seiner Meinung wenig praktikablen Ansatz der Harvard Group und setzte sich für die Gründung einer Kunstschutzeinheit ein, die im Kriegs- bzw. besetzten Gebiet tätig werden sollte. Stout sah von Anfang an Kenntnisse und praktische Fähigkeiten im konservatorischen Bereich als ausschlaggebend für den Kulturschutz im besetzten Gebiet an. Dabei stand für ihn die praktische Umsetzung (Personal, Umgang mit den Materialien) vor Ort klar im Fokus. Auch reichte es Stout nicht aus, nur von Amerika aus beratend zu wirken, die Kunstschützer sollten vor Ort sein, um direkt konservatorische Maßnahmen ergreifen zu können. Stout sorgte sich um den Verbleib und den Erhalt der europäischen Kulturgüter während des Krieges und in der unruhigen Zeit danach und träumte von einer Art “Roten Kreuz für die Kunst” .

Thomas Carr Howe, George Stout und Karl Sieber in the Kammergrafen-Mine in Altaussee, Österreich, 09.07.1945; Archives of American Art

Seiner Forderung nach einer praktischen Umsetzung des Kulturgüterschutzes entsprechend, gehörte George Stout zu den ersten Armee-Angehörigen, die der neu gegründeten Monuments, Fine Arts & Archives-Section für den Einsatz in Europa zugeteilt wurden. Gemeinsam mit seinem Harvard-Kollegen W.G. Constable schrieb er mit dem Brief Manual of Safeguarding and Conservation in the Field ein Handbuch, das die Monuments Men bei ihrer Feldarbeit unterstützen sollte. Er war dann auch einer der ersten MFA&A-Mitglieder, der in der Normandie landete. Er rückte mit der 12. Armee durch Frankreich, die Niederlande und Deutschland, wo er unter anderem half, die Kulturschätze von Caen, Maastricht und Aachen zu schützen sowie die Depots von Siegen, Heilbronn, Köln, Merkers und Altaussee sicherzustellen. Er verließ Europa bereits Ende Juli 1945 und setzte seinen Kunstschutzdienst in Japan fort. In Tokio wurde er Chief of the Arts and Monuments Division at Headquarters of the Supreme Commander for the Allied Powers und blieb dort bis Mitte 1946. Nach seinem Kriegseinsatz kehrte er in seine vorherige Position am Fogg Art Museum zurück, wurde aber bereits 1947 zum Direktor des Worcester Art Museum (Worcester, MA) ernannt. Von 1955 bis 1970 übernahm Stout die Direktion am Isabella Stewart Gardner Museum in Boston.

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Welche Bedeutung hatten die „Monuments Men“ wirklich?

Filmstill "Monuments Men"

Filmstill „Monuments Men“

Im Februar kommt George Clooneys „Monuments Men“ in deutsche Kinos. Eine Erzählung über die heldenhaften Kunstschutzoffiziere, die gegen Ende des Zweiten Weltkriegs verhinderten, dass die Nazis europäische Kunstschätze in die Luft jagten und für immer zerstörten. Basierend auf einer wahren Geschichte. Oder?

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George Clooney spielt Lt. Cmdr. George Stout, Kunstschutzoffizier

Based upon a true story: Die Monuments Men (Teil 2)

„Monuments Men“ Matt Damon, Bill Murray, George Clooney (v.l.)

Die Verfilmung der „Monuments Men“ beruht auf einer wahren Geschichte. In dieser Reihe möchte ich gerne die historischen Personen hinter den Hollywoodschauspielern vorstellen. Produzent George Clooney spielt die tragende Rolle des George Stout (rechts im Bild), dem in der Geschichte der Monuments Men eine bedeutende Rolle zukommt, da er zu den ersten Amerikanern gehörte, die erkannten, wie die Nationalsozialisten und der Zweite Weltkrieg die europäischen Kunstschätze gefährdeten. Es ist in wesentlichen Teilen ihm zu verdanken, dass eine professionelle Kunstschutzeinheit innerhalb der Armee installiert wurde, die nicht nur in der Theorie von der Notwendigkeit des Kulturgüterschutzes überzeugt war, sondern diesen in auch in der anstrengenden und unbequemen Feldarbeit in die Tat umsetzte.
Stout war von der Sinnhaftigkeit seiner Aufgabe überzeugt:

„From my point of view, this [being a Monuments Man] is not a bad job. During the last three weeks I’ve been in harness with an Englishman who’s gone horribly sour and says we’re wasting our time. I don’t know what he expected. Some strange romantic adventure, personal glory or great authority perhaps (…). We can’t count the result but I’m satisfied, not with what I’ve done but with what the job stands for.“ George Stout in einem Brief an seinen Kollege Langdon Warner, 4.10.1944 Weiterlesen