Was ist Provenienzforschung?

ProProvenienzforschungenglisch_50x33Provenienz im kunstgeschichtlichen Bereich wird definiert als „Geschichte des Besitzwechsels eines Objekts, seiner verschiedenen Aufenthalte in namhaften Privatsammlungen“ (Jaquet (1962): Werte und Preise auf dem Weltmarkt neuzeitlicher Kunst, S 87). Die Provenienzforschung beschäftigt sich mit der möglichst lückenlosen Rekonstruktion der Eigentümerfolge und -verhältnisse. Die Provenienzforschung stellt somit einen besonderen, noch wenig entwickelten Aspekt des Fachs Kunstgeschichte dar, der sich mit Sammler- und Sammlungsgeschichte beschäftigt und die Besitzverhältnisse durch Recherchearbeit in Museums- und allgemeinen Archiven zu klären versucht. Für die Preisbildung auf dem Kunstmarkt kann man Provenienz auch als ‚historischen Einflussfaktor’ auffassen, der die Geschichte des Kunstwerks abbildet.

Die Provenienz ist ein Tatbestand von zweifacher Ausprägung. Im günstigsten Fall gibt es eine lückenlos geklärte Herkunftsliste, die es ermöglicht, die Eigentümer des Kunstwerks von der Gegenwart bis zum Künstler zurückzuverfolgen. Diese gesicherte Provenienz kann sich aus den folgenden Gründen wertsteigernd auf dem Kunstmarkt auswirken:

  • ein lückenloser Stammbaum scheint für die Echtheit des Werkes zu garantieren (Ausschluss von Fälschungen)
  • aus dem Wissen um kenntnisreiche Vorbesitzer wird auf die Qualität des Bildes geschlossen
  • das irrationale Gefühl, zu wissen und anderen erzählen zu können, dass sich der neue Besitz bspw. einst in den Händen des Kunsthändlers Durand-Ruel befand, lässt die Wertschätzung des Gegenstandes steigen.

Nach Picker ist die Provenienz „deshalb von Bedeutung, weil viele Kunstkäufer davon ausgehen, dass renommierte Vorbesitzer genau wussten, was sie besitzen“ (Picker (2000): Kunstgegenstände und Antiquitäten, S. 69), und auch den (hohen) Wert kannten. Ebenso können sich solche Provenienzen positiv auf den Preis auswirken, die lange als ungeklärt galten und nun – dem rechtmäßigen Eigentümer zurückübereignet – als einwandfrei anzusehen sind. So wurde im November 2006 beim New Yorker Auktionshaus Christie’s ein Gemälde von Ernst Ludwig Kirchner (Straßenszene, Berlin 1913) für einen Preis von 38 Mio. US$ versteigert, das im Juli 2006 an die Erben einer von den Nationalsozialisten verfolgten jüdischen Familie zurückgegeben wurde. Der Schätzpreis war mit 18-24 Mio. US$ angegeben und wurde weit übertroffen.

Eine besondere Bedeutung kommt der Provenienz von Kunstwerken zu, die in der NS-Zeit ihren Besitzer gewechselt haben.  – auch heute noch, mehr als 60 Jahre nach Kriegsende. Nicht zuletzt zeigt die aktuelle Debatte um den Fall Gurlitt, dass das Thema des NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturguts (NS-Raubkunst) bzw. kriegsbedingt verbrachten Kulturguts (Beutekunst) noch lange nicht abgeschlossen ist. Die Datenbank “Lost Art” der Koordinierungsstelle für Kulturgutverluste listet zahllose Suchmeldungen auf, Kunstwerke meist jüdischer Provenienz, die seit der NS-Zeit verschollen sind. Noch immer erwarten die Museen Rückforderungsanträge auf Kunstwerke, die den Eltern und Großeltern der Antragssteller in der NS-Zeit “verfolgungsbedingt entzogen” wurden. Die ehemaligen Eigentümer wurden zu Opfern des Holocausts, ihre Besitztümer kamen auf mehr oder weniger direkten Weg in Museen, in den Kunsthandel und in Privatsammlungen. Gleichzeitig gibt es bei “Lost Art” auch Fundmeldungen von Kunstwerken, von denen man zwar weiß, dass sie Raub- und Beutekunst sind, aber zu denen (noch) kein Erbe gefunden werden konnte.

Provenienzforschung für die Erwerbsumstände zwischen 1933 und 1945 hat lange Zeit keine Rolle in der deutschen, aber auch der internationalen Kunstlandschaft gespielt. Erst spät, mit der Washingtoner Erklärung aus dem Jahr 1998, nahm man sich auf internationalem Parkett dieses Themas wieder an. Zunächst schleppend lief dann auch die Provenienzforschung in Deutschland an, indem einige wenige Stellen an den Museen etabliert wurden, finanziell gefördert durch Bundesmittel und zunehmend auch inhaltlich unterstützt durch etwa die Koordinierungsstelle für Kulturgutverluste mit der genannten Lost Art-Datenbank, der “Arbeitsstelle für Provenienzforschung” oder einzelnen Institutionen wie der “Forschungsstelle für Entartete Kunst” der FU Berlin. Seit einigen Jahren gibt es an der FU Berlin den Weiterbildungslehrgang für Provenienzforschung, der Nachwuchskräfte für diese Aufgabe qualifiziert. Die Problematik findet also langsam Eingang in die akademische Lehre. Um die einzelnen Institutionen, die sich in Deutschland gegenwärtig mit dem Themenbereich des NS-Raubkunst bzw. Beutekunst beschäftigen, miteinander zu vernetzen und so stärker Synergien nutzen zu können, plant der Bund die Einrichtung eines “Deutschen Zentrums für Kulturgutverluste”, ein Vorhaben, das sehr zu begrüßen ist.

Immer mehr Museen beschäftigen heute hauptamtliche Provenienzforscher, die für einzelne Sammlungsstücke prüfen, wann und wie sie in den Museumsbestand gelangt sind. So konnte es einzelnen Museen gelingen, zumindest einen Teil ihrer Sammlung hinsichtlich der Erwerbsumstände während der NS-Zeit zu untersuchen und auch schon zahlreiche Restitutionsfälle einzuleiten. Schlaglichtartig fügen sie durch ihre Provenienzrecherche am einzelnen Objekt ein Puzzleteil in das Gesamtbild der NS-Kulturpolitik.

Die Besatzer als Kuratoren?Wir wissen heute schon recht viel etwa über das “Projekt Entartete Kunst”, wir wissen, dass nicht nur Hitler, sondern auch andere Nationalsozialisten hohen Rangs Kunstwerke auf mehr oder weniger kriminelle Weise in ihren Besitz brachten. Aber noch immer gibt es Bereiche der NS-Kunstpolitik, die nicht vollständig aufgeklärt sind. Wertvolle Grundlagenarbeit, die die akuten Einzelfall-Recherchen in den Museen unterstützen kann, entsteht durch in der Regel externe Kunsthistoriker und Forscher anderer Fachbereiche, wie auch durch meine Arbeit über die „Monuments Men in Wiesbaden„. Diese Grundlagenforschung verschafft einen Überblick etwa über bestimmte Kunsthändler, Sammler oder bestimmte geografische Gebiete. Die Publikationen – so es denn zu einer Veröffentlichung kommt – können als Findbuch für die Puzzleteil-Untersuchung am aktuellen Fall dienen.

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Ein Gedanke zu “Was ist Provenienzforschung?

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